Wir brauchen eine Kultur der Anerkennung religiöser Vielfalt

Der „Weltreligionstag“ wurde 1950 von den Bahá’í in den USA ins Leben gerufen und wird weltweit am dritten Sonntag im Januar begangen, dieses Jahr am 21. Januar. Auch außerhalb der Bahá’í-Gemeinden wird inzwischen am Weltreligionstag an die Bedeutung des interreligiösen Dialogs für ein friedliches Zusammenleben in Vielfalt erinnert.

Entstanden ist die monotheistische Religion der Bahá’í vor 175 Jahren im Iran, wo ihre Anhänger heute verfolgt werden. Sie gilt als die jüngste Weltreligion und zählt acht Millionen Anhänger. In Deutschland leben heute rund 6.000 Bahá’í in etwa 100 Gemeinden. Im Jahr 2013 wurde die Bahá’í-Glaubensgemeinschaft durch das Land Hessen als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt. Die Bahá’í engagieren sich besonders stark für den Dialog zwischen den Religionen, so etwa am bundesweiten „Runden Tisch der Religionen“ oder im „Abrahamischen Forum in Deutschland“.

Dieses Engagement für religiös-kulturelle Vielfalt wurzelt im Glauben der Bahá’í, dass alle Weltreligionen in ihrem Ursprung von Gott sind und zwischen ihnen kein wesensmäßiger Unterschied besteht. Unterschiede sind demnach allein historisch bedingt. Dieser Glauben an die Einheit aller Religionen hat den Bahá’í den Vorwurf eingehandelt, andere Religionen zu vereinnahmen.

Als religiöser Glaube sind Einheitsvorstellungen, wie sie die Bahá’í pflegen, zu respektieren. Es ist aber auch außerhalb religiöser Vorstellungen verführerisch, der Verteufelung von Unterschieden durch eine Betonung der Gemeinsamkeiten zu begegnen. Darin liegt allerdings eine Gefahr: Glaubensunterschiede werden vorschnell eingeebnet und die verschiedenen Religionen allzu schnell gegen ihr eigenes Verständnis umgedeutet. Für ein konstruktives Miteinander der Religionen braucht es aber einen differenzierteren Blick, der Unterschiede sehr wohl wahrnimmt, ohne sie gleich bewerten zu wollen. Statt sich also an vorhandenen Gemeinsamkeiten festzuklammern, braucht es eine Kultur der Anerkennung von religiösen und kulturellen Unterschieden.

In einer zunehmend pluralen Gesellschaft kommt dem interreligiösen Dialog entscheidende Bedeutung zu. Religion ist nicht allein eine Sache des persönlichen Glaubens, sondern entfaltet auch eine historische Tiefenwirkung, die Gesellschaft prägt. Darin liegen sowohl die Chancen als auch die Risiken für das Miteinander. Bislang wird der Tatsache der religiösen Pluralisierung der Gesellschaft eher ausgewichen. Die Chancen, die in der sozialen, kulturellen und religiösen Vielfalt liegen, werden kaum wahrgenommen. Immer noch beherrschen Aufforderungen zur Abgrenzung oder zur Anpassung den Diskurs.

Die Forschungsergebnisse des Religionsmonitors zeigen, wohin solche rückwärtsgewandte Vorstellungen vom Zusammenleben führen. So klafft derzeit eine große Kluft zwischen der Wahrnehmung des Islams in der deutschen Mehrheitsgesellschaft und der von den Muslimen tatsächlich gelebten Religion: Während 57 Prozent der nichtmuslimischen Deutschen den Islam als bedrohlich wahrnehmen, belegen die Ergebnisse des Religionsmonitors eine starke Verbundenheit der Muslime mit Staat und Gesellschaft. Angesichts dieses Widerspruchs muss man von „verweigerter Vielfalt“ sprechen, die letztlich in der Angst vor Veränderung begründet liegt.

Die Pluralisierung moderner Gesellschaften lässt sich aber nicht aufhalten. Es gibt auch keine abschließenden Lösungen, wie sie in den Debatten um eine „Leitkultur“ suggeriert werden. Entwicklungen müssen deshalb gestaltet werden. Dafür braucht eine plurale Gesellschaft den lebendigen Austausch der vielfältigen Stimmen, um Unterschiede besser kennenzulernen. Unterschiede sind aber eben nicht unüberbrückbar, sondern bereichern die Lebenswelt. Die Anerkennung von Unterschieden ist Voraussetzung dafür, dass der empirische Pluralismus nicht als bloßes Nebeneinander, sondern positiv als Vielfalt gelebt wird. Denn nur in einem Miteinander in Vielfalt kann ein alle verbindender Gemeinsinn für die Zukunft ausgehandelt werden

Der interreligiöse Dialog kann zu einer solchen Anerkennungskultur entscheidend beitragen. Denn Glaubensunterschiede sind keine unüberwindbaren Grenzen, sondern Ausdruck gelebter Vielfalt.

 

 



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