Eine Bibliothek, die keine Bücher braucht

Es ist Frühling. In Kopenhagens Kongens Have, einer der schönsten Parkanlagen der Stadt, sitzen zwei Frauen auf einer Picknickdecke. Sie unterhalten sich angeregt. Die ältere von ihnen trägt über ihrer Bluse einen Trenchcoat und sitzt einer jüngeren Frau mit Kopftuch gegenüber, die aus ihrer Handtasche Fotos hervorholt und sie der anderen zeigt. Was haben diese beiden Frauen gemeinsam? Wie kommen sie dazu, sich hier zu treffen? Worüber reden sie und woher kennen sie sich?

Die beiden Frauen sind Teil der „Human Library“– einer Bibliothek der besonderen Art. Denn sie kommt ganz ohne Bücher aus.

Menschen erzählen als „lebendige Bücher“

Die Menschen, die am „Human Library“ Projekt mitmachen, müssen keine Bücherfreunde sein. Sie tauchen ohne Lesestoff in fremde Geschichten ein. Denn sie treffen Menschen, die ihnen wie lebendige Bücher aus erster Hand ihre eigene Lebensgeschichte erzählen.

Wer ein „Buch“ sucht, findet es, indem er Kontakt zu einer Organisation oder einem Veranstalter aufnimmt, der die Idee der „Human Library“ umsetzt. In bereits über 80 Ländern weltweit wird das Konzept in unterschiedlichsten Kontexten angewendet: Es kann nicht nur individuell genutzt werden, sondern auch im Rahmen von Kulturveranstaltungen, in Schulen oder aber in Unternehmen.

Miteinander statt übereinander reden

Nachdem man sich als Interessent lokal oder online registriert hat, schlägt man in einem Katalog nach, welche „Bücher“ ausleihbar sind. Dann wählt man ein Thema aus, das das eigene Interesse weckt. Egal, über was man schon immer einmal mehr erfahren wollte – über das Leben als gläubiger Muslim oder katholischer Priester, die persönliche Fluchterfahrung einer Syrerin, die Erlebnisse eines Polizisten, der im Problemviertel der eigenen Stadt arbeitet, die Erfahrungen eines freischaffenden Journalisten oder aber über den Alltag einer jungen, alleinerziehenden Frau – zu jedem Thema gehören Menschen, die ihre ganz eigene Geschichte darüber erzählen können.

Hat man sich für ein Thema entschieden und begründet, warum man gerade darüber gerne mehr erfahren würde, kann es auch schon losgehen: Nach der Vermittlung des Interessierten und eines Menschen, der zu genau diesem Thema eine eigene Geschichte erzählen kann, treffen sich beide und tauschen sich aus – ganz unverbindlich und zeitlich begrenzt. Die Gespräche sind dazu da, auch schwierige Fragen zu erlauben und offen Klischees anzusprechen. Je nach der Umsetzung der Idee der „Human Library“ kann die Vermittlung sowohl im Rahmen eines von einer Organisation geplanten Events, oder aber einer lokalen „lebendigen Bibliothek“ durchgeführt werden.

 Die „lebendige Bibliothek“ führt Menschen zusammen

Die „lebendige Bibliothek“ ist aber nicht nur für Menschen interessant, die über andere etwas erfahren wollen, sondern auch für solche, die ihre persönliche Geschichte oder Erfahrungen mit einem bestimmten Thema mit ihren Mitmenschen teilen möchten. Deshalb kann man sich nicht nur als interessierter „Leser“, sondern auch als „Buch“ registrieren lassen.

Die „Human Library“ bringt auf diese Weise Menschen zusammen, die sonst kaum miteinander in Kontakt treten würden: Zum Beispiel Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Gesellschaftsschichten. Menschen, die sich sonst ignorieren, oder sogar meiden würden. Menschen, die zu wenig voneinander wissen, die sich mit Skepsis beobachten und manchmal sogar voreinander fürchten.

Geschichten mit Gesicht

Die Geschichten, die wir sonst in Büchern lesen, machen die „Human Library“ lebendig und authentisch. Die Menschen, die sie erzählen, geben ihnen ein Gesicht. Vor allem aber hilft die Begegnung dabei, Vorurteile, die wir alle mit uns tragen, zu hinterfragen und abzubauen. Die Erzählungen können uns zeigen, dass die Dinge oft ganz anders sind, als wir uns vorgestellt haben.

Die Idee der „lebendigen Bibliothek“ stammt von einer dänischen NGO, die ihr Konzept vor fast 20 Jahren das erste Mal bei einem Musikfestival anwendete und schon damals für Euphorie sorgte. Das Projekt hat seitdem weltweit positive Resonanz erfahren. 2003 war es Teil eines vom Europarat geförderten Programms zur Stärkung der Menschenrechte und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. 2017 wurde in Zusammenarbeit mit dem dänischen Fernsehen sogar eine gleichnamige TV-Show gedreht. Aber auch zahlreiche Organisationen haben die Potenziale der „menschlichen Bibliothek“ erkannt und für sich entdeckt.

In Deutschland nutzt unter anderem die Caritas das Konzept. Im Kurzfilm zeigt sie, wie die lebendige Bibliothek Menschen miteinander verbindet.

Das Buch niemals nach seinem Cover beurteilen

Das „Human Library“ Projekt zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, dass Menschen sich austauschen, anstatt aneinander vorbei zu leben. Vor allem aber zeigt uns die „Human Library“, dass wir unser Gegenüber nicht nach seiner äußeren Erscheinung beurteilen sollten. Bei Büchern entscheidet der Umschlag schließlich auch nicht darüber, wie schön, gut oder interessant der Inhalt ist.



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