Integrationsvorbild Mechelen – Teil 3: Verbündete aktivieren

Um ein neues gemeinschaftliches Klima in der Stadt zu schaffen, hat Mechelens Bürgermeister Bart Somers in die Stadtentwicklung investiert, für mehr Sauberkeit und Ordnung gesorgt und an vielen kleinen Stellschrauben gedreht. Doch ohne Verbündete, ohne die Unterstützung durch die Bürgerinnen und Bürger würde all das nur wenig weit tragen. Im 3. und letzten Teil der Mechelen-Serie von „Vielfalt leben“ geht es darum, wie Bart Somers die Stakeholder der Stadt aktiviert.

Über 130 Nationalitäten in einer Stadt, das sind unterschiedliche Kulturen, Religionen und Lebensweisen. Zwanzig Prozent aller Mechelener sind Muslime, jedes zweite Neugeborene hat einen Migrationshintergrund. „Wir leben in einer superdiversen Wirklichkeit“, sagt Bürgermeister Bart Somers, „und diese Wirklichkeit wird auch nicht mehr weggehen.“ Mit dieser Botschaft hat er auch die Alteingesessenen in Mechelen konfrontiert. Die Schlussfolgerung ist: „Wer nach Mechelen kommt, muss sich anpassen, aber auch wer hier schon immer gewohnt hat, muss sich ebenfalls anpassen.“

Freunde finden

Trotz oder wegen dieser klaren Haltung ist Bart Somers drei Mal wiedergewählt worden. Im Herbst 2018 steht die nächste Wahl an. Natürlich tritt der Liberale wieder an, und es müsste schon ein kleines politisches Erdbeben passieren, sollte es mit der vierten Amtszeit nicht klappen. Ein Grund ist natürlich sein Erfolg bei der Integration. Und Somers hat es geschafft, ein breites Netzwerk an Unterstützern in der Stadt aufzubauen. Zentral dabei sind zunächst die Sportvereine.

Sportvereine übernehmen Verantwortung

Die Politik alleine kann Integrationsprozesse nur anstoßen. Umgesetzt werden müssen sie von den Bürgern. Bart Somers ist es gelungen, einige sehr wichtige Verbündete in den Sportvereinen zu finden. Hier machen die Menschen – vor allem die Jugendlichen – soziale Primärerfahrungen, die ihre Einstellungen zu Vielfalt maßgeblich beeinflussen. So begann der Fußballverein Salaam Mechelen schon Ende der 1990er Jahre mit dem Anspruch, ein „gemischten“ Team aus Flamen und Zuwanderern aufzubauen. Bis dahin hatte es das nicht gegeben. Der Bürgermeister wurde zum Unterstützer des Vereins, der heute mehrere Teams umfasst und die Jugendlichen nicht nur sportlich fordert und fördert. Salaam Mechelen ist zu einer sozialen Institution geworden, in der Schüler ihre Hausaufgaben machen, Frauen Flämisch und Jugendliche Arabisch lernen. „Wer seine Hausaufgaben nicht macht, darf nicht trainieren“, sagt Frédéric Thiebaut, der Präsident von Salaam Mechelen.  Und natürlich werden die Jugendlichen von den Trainern genau beobachtet.

Integration als gemeinsames Ziel

Vereine als Begegnungsorte, aber auch als Form sozialer Kontrolle, das sind die beiden Seiten, die die Integrationsbemühungen in Mechelen erfolgreich machen. Wer zudem Radikalisierung verhindern will, muss dafür sorgen, dass sich Jugendliche nicht isolieren, denn dann werden sie beeinflussbar. Es ist Aufgabe der wichtigen Stakeholder, der Schulen, der Vereine, der Kirchen und Moscheen, der Sozialarbeiter, aber auch der Polizei, hier sehr eng an den Menschen zu bleiben. Das geschieht auf unterschiedliche Weise, aber mit einem gemeinsamen Ziel: Vor allem junge Zuwanderer in die Stadt zu integrieren, Isolation von Gruppen zu verhindern und direkte Kontakte zwischen allen 130 Nationen der Stadt zu schaffen.

Ein Jugendzentrum für alle

Vorzeigebeispiel ist hier das große Jugendzentrum ROJM (Regionales Offenes Jugendzentrum Mechelen), mit rund 100 Nationalitäten das selbsternannte „multikulturellste Jugendzentrum der Welt“. Die Sozialarbeiter hier kommen größtenteils selbst aus Einwandererfamilien, sie verstehen die Probleme ihrer Klienten ziemlich gut. Viele arbeiten nicht nur im Jugendzentrum, sondern auch im Gefängnis oder auf der Straße. Sie halten die Waage zwischen Zusammenarbeit mit anderen lokalen Institutionen und einem gewissen Abstand, der ihnen die Glaubwürdigkeit bei den Jugendlichen sichert. Für Bart Somers ist wichtig, dass alle Jugendlichen in ein gemeinsames Zentrum gehen, nicht in viele kleine, je nach Herkunft.

Was bleibt zu tun?

Man muss schon etwas länger herumfragen, um noch kritische Stimmen über Mechelen zu hören. Jugendliche mit Migrationshintergrund beschweren sich vor allem über die Polizei, die fast ausschließlich aus Flamen besteht. Die Polizei kontrolliert die jungen Migranten besonders häufig.  Ein Problem, das auch innerhalb der Polizei bekannt ist, aber nicht so schnell zu lösen ist. Von den sozialen Einrichtungen haben die jungen Mechelener eine gute Meinung, und an der allgemeinen Entwicklung der Stadt partizipieren sie ebenfalls. „Endlich können wir in der Stadt abends irgendwo hingehen“, sagen sie über das neue Kneipenviertel, das im Zuge des Aufschwungs der Stadt in den letzten Jahren gewachsen ist.

Alles nur für junge Männer?

Eine junge Muslima, die in einem sozialen Verband beschäftigt ist und ungenannt bleiben möchte, kritisiert, dass der Fokus in der Jugendarbeit zu sehr auf jungen Männern liegen würden. „Für Mädchen und junge Frauen wird zu wenig getan“, sagt sie. Zwar würde beispielsweise das Jugendzentrum ROJM mittlerweile auch Frauengruppen haben, insgesamt sei das aber immer noch ungerecht wenig.

Sich gegenseitig kennenlernen

Viele Mechelener können Geschichten darüber erzählen, wie sich in den vergangenen Jahren der Umgang miteinander verändert hat. Der Verantwortliche eines Sportvereins berichtet – „nein, bitte schreiben Sie das nicht“ – von seinen Eltern, die anfangs nicht zum Grillfest des Vereins kommen wollten. „Mittlerweile kommen sie jedes Jahr, und das sehr gerne“, sagt er. Bürgermeister Bart Somers schwärmt geradezu von der Initiative „Samen Inburgeren“, in der Paten Neuankömmlingen die Stadt zeigen und erklären. „Irgendwann passiert etwas zwischen diesen beiden unterschiedlichen Personen, und dann sieht man sich gegenseitig als Mensch, nicht mehr als Flüchtling oder Einheimischer“, so Somers.

Fazit: Vielfalt als Alltag

Sicher wäre es übertrieben, Mechelen als neues Paradies zu beschreiben. Aber wer heute durch die Stadt geht, kann an vielen Stellen erleben, dass der von Bart Somers 2001 gestartete Wandel stattgefunden hat. Dass die Veränderungen nicht nur an der Oberfläche passiert sind, also nicht nur dem höheren Polizeieinsatz, den Kameras und der Stadtreinigung zu verdanken sind, zeigen viele Indikatoren. Mechelen zieht wieder Wirtschaftskraft und neue Einwohner aus der Mittelschicht an. Die Kriminalitätsrate ist niedrig, Jugendliche werden davon abgehalten, sich zu radikalisieren. Und „Vlaams Belang“, die flämischen Rechtspopulisten, können wohl auch bei der Bürgermeisterwahl 2018 nur auf ein paar wenige Prozent hoffen. Die Dynamik der Entwicklung in Mechelen geht klar in Richtung „gelebte Vielfalt“, und das kann nicht jede Stadt guten Gewissens behaupten.



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