Die Zukunft gehört der Vielfalt

„Kulturell unterschiedliche Mitarbeiter bringen eine eigene Landschaft an Erfahrungen mit, die ich als Unternehmerin niemals abdecken könnte. Ich komme auf Ideen, auf die ich anders nicht gekommen wäre“, sagt Jessica Thamm, Inhaberin der NATIVES Sprachagentur, die Menschen aus unterschiedlichen Ländern beschäftigt. Die Erfahrungen der jungen Unternehmerin stützen, was seit einiger Zeit vermutet und immer intensiver diskutiert wird: Kulturell heterogene Gruppen fördern die Innovationskraft in Betrieben.

 

Studie bestätigt: Vielfalt ist Innovationsfaktor

Eine neue Studie zum Reinhard Mohn Preis 2018 „Vielfalt leben – Gesellschaft gestalten“ bestätigt dies ebenfalls. Ein Team des VDI Technologiezentrums unter Leitung von Dr. Silke Stahl-Rolf hat für die Bertelsmann-Stiftung die Studie „Faktor Vielfalt“ erstellt und herausgefunden: Wer auf Mitarbeiter unterschiedlicher kultureller Herkunft setzt, ist besser in der Lage, Ideen für neue Produkte, Dienstleistungen oder Prozesse zu entwickeln. Doch wie verbreitet ist diese Botschaft bereits? Werden Unternehmen jetzt zum Vorreiter für Akzeptanz und Förderung kultureller Vielfalt?

 

Die Start-up- und Tech-Welt als Vorbild

„Diversity Management“ ist in der Wirtschaft seit vielen Jahren ein Thema. In den letzten Jahren ist der Aspekt der Innovationsfähigkeit immer stärker in den Fokus gerückt. Denn bereits ein oberflächlicher Blick ins Silicon Valley oder nach Israel genügt: Die innovativsten und dynamischsten Unternehmen der Welt zeichnen sich nicht zuletzt durch eine hohe kulturelle Diversität aus. Gründer, Manager, Mitarbeiter und auch viele der einflussreichen Finanzierer kommen aus der ganzen Welt. Steckt darin eines der Erfolgsgeheimnisse von Apple, Alphabet, Facebook & Co.?

Startups und Innovation – das wird oft in einem Atemzug genannt. Wie wirkt sich kulturelle Vielfalt in Startups auf die Innovationsfähigkeit aus? Wir haben erfolgreiche Gründer nach ihren Erfahrungen mit dem „Faktor Vielfalt“ gefragt.

 

Erfahrungen in vielfältigen Teams

Junge Unternehmen aus der Start-up-Szene zeichnen sich oftmals durch eine große kulturelle Offenheit und Vielfalt aus. In kulturell vielfältigen Gruppen werden viele Annahmen hinterfragt und damit das sogenannte Gruppendenken („Groupthink“) verhindert, bei dem in hochkohäsiven Gruppen aus Harmoniestreben falsche Entscheidungen getroffen werden, berichtet Mark T. Fliegauf, Gründer des internationalen Sozialunternehmens On Purpose in Berlin, von den Vorteilen. Er fügt aber auch hinzu: „Aushandlungsprozesse dauern länger und nicht jedes Teammitglied fühlt sich bei solchen Prozessen wohl.“

 

Umfrage unter deutschen Führungskräften

Ist das, was in vielen jungen Unternehmen bereits normal ist, auch schon in den anderen Teilen der Wirtschaft angekommen? Wie sieht es in den mittleren und großen Unternehmen landauf und landab aus? Als Ergänzung zu der Studie „Faktor Vielfalt“ hat das Meinungsforschungsinstitut YouGov für die Bertelsmann Stiftung 500 Fach- und Führungskräfte befragt. Und das Ergebnis hinterlässt ein ambivalentes Bild. Erstens: Nahezu jeder zweite Befragte ist der Auffassung, dass ein positiver Zusammenhang zwischen kultureller Vielfalt und der Innovationsfähigkeit von Unternehmen besteht. Zweitens: Gleichzeitig geben 42 Prozent an, dass ihr Unternehmen nicht auf eine vielfältige Zusammensetzung der Mitarbeiterschaft achtet.

Großunternehmen achten stärker auf Diversität

Zwar sehen viele Führungskräfte die möglichen Vorteile von Diversität, aber in vielen Unternehmen scheint dies noch überhaupt kein Thema zu sein. Die Umfrage hat dabei auch die mittelständischen und die Großunternehmen verglichen. Hier zeigt sich ein deutlicher Unterschied: Während 56 Prozent der Befragten aus Großunternehmen angeben, dass ihre Firmen bei der Zusammenstellung der Mitarbeiterschaft auf kulturelle Vielfalt achten, sind dies in mittelständischen Unternehmen lediglich 46 Prozent. Gefragt, ob es Gründe gibt, die eine kulturell vielfältige Zusammensetzung der Mitarbeiterschaft erschweren, antworten zwei von drei Befragten, dass es in ihrem jeweiligen Unternehmen keine Hinderungsgründe gibt.

 

Innovationen durch Vielfalt fördern

Auch viele mittelständische Unternehmen haben ihr Geschäft mittlerweile internationalisiert. Produktionsstandorte in Asien oder Dependancen in den USA – da müssen sich Mitarbeiter auf neue Ansprechpartner, Arbeitsweisen und Kulturen einstellen. Kaum ein Unternehmen, das sich derzeit mit der Digitalisierung auseinandersetzt und dabei auch neue Formen der Zusammenarbeit testet. Gestandene Mitarbeiter müssen sich an neue Methoden gewöhnen, junge digital Natives kommen mit einem völlig neuen Wissen in die Betriebe, Startups aus ganz anderen Teilen der Welt sind plötzlich Kooperationspartner für das nächste Projekt. Die Zukunft gehört der Vielfalt. Diese produktiv für die eigene Weiterentwicklung zu nutzen ist eine Aufgabe, die, das zeigen die Zahlen, noch nicht von allen Unternehmen wirklich ernst genommen wird. Trotzdem wird sich die Arbeitswelt weiter verändern – und damit auch Einfluss auf die Akzeptanz von Vielfalt in der Gesellschaft nehmen.



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