Zusammenleben in kultureller Vielfalt

Wie wollen die Deutschen in der Einwanderungsgesellschaft zusammenleben?

Anlässlich des diesjährigen Reinhard Mohn Preises zum Thema „Vielfalt leben – Gesellschaft gestalten“  erscheint eine Sonderauswertung des Religionsmonitors 2017 zum Thema  „Zusammenleben in kultureller Vielfalt. Vorstellungen und Präferenzen in Deutschland.“. Die repräsentative Untersuchung fragt nach der bevorzugten Form des Zusammenlebens von Einwanderern und Mehrheitsbevölkerung in Deutschland: Welche Vorstellungen haben die Deutschen von einem gelingenden Zusammenleben in kultureller und religiöser Vielfalt?

Jeder Zweite (52 Prozent) ist danach der Meinung, dass das Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft am besten gelingt, wenn sich die zugewanderten Minderheiten an die Kultur der Mehrheit anpassen. Für jeden Dritten (36 Prozent) gelingt das Zusammenleben, wenn Einheimische und Einwanderer kulturell zusammenwachsen. 11 Prozent der Befragten plädieren für ein Nebeneinander der Kulturen. Und nur ein Prozent meint, dass die Mehrheitsbevölkerung sich kulturell anpassen solle.

Die Vorstellungen der Menschen über das Zusammenleben in Vielfalt sind aber nicht unbeweglich und unverrückbar. Sie verändern sich vielmehr im Generationenverlauf: Je jünger die Befragten, desto geringer ist ihr Wunsch nach einer kulturellen Anpassung von Minderheiten. Während zwei Drittel der Befragten in einem Alter von über 70 Jahren der Meinung sind, dass sich Einwanderer kulturell anpassen sollten, sinkt dieser Anteil mit jüngerem Alter der Befragten sukzessive bis auf einen Anteil von 22 Prozent bei den unter 25-Jährigen. Umgekehrt ist in dieser Altersgruppe der Anteil derer, die sich für ein Zusammenwachsen der Kulturen aussprechen, mit 55 Prozent am höchsten. Unter den über 70­Jährigen sind es lediglich 25 Prozent.

Mehrheitlich gehen die Deutschen also heute davon aus, dass das Miteinander in Vielfalt dann am besten gelingen kann, wenn sich Einwanderer kulturell anpassen. Allerdings steigt die Bereitschaft, eine Verbindung zwischen Einwandererkulturen und der Kultur der Mehrheitsbevölkerung zuzulassen. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass sich in den jüngeren Altersgruppen ein anderes Verständnis vom Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft durchsetzt: Kultur wird nicht mehr als etwas Unveränderliches, sondern als Prozess und flexibles Bindeglied begriffen.

Insofern stimmen die Ergebnisse der Untersuchung für das Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft optimistisch. Jedoch werfen zwei Befunde Fragen auf. Sie betreffen zum einen die dritte Generation der Einwanderer, die in zwei Kulturen zuhause ist, zum anderen die ambivalente Rolle der Religion.

 

Die Enkel der Einwanderer: Zuhause in zwei Kulturen

Einwanderer unterscheiden sich in ihren Vorstellungen vom Zusammenleben in Vielfalt nur wenig von der restlichen Bevölkerung. Die erste Generation weiß aus Erfahrung, dass es ohne Anpassung nicht geht. Die zweite Generation signalisiert mit einer noch stärkeren Anpassungsbereitschaft den Wunsch, zum Aufnahmeland dazuzugehören, in das sie zwar hineingeboren wurde, das aber nicht das Heimatland ihrer Eltern ist. Die dritte Generation definiert sich hingegen als deutsch. Insofern verliert der Anpassungsgedanke für sie an Bedeutung. Einwandererkinder in der dritten Generation pflegen stattdessen einen offeneren Umgang mit der im eigenen Alltag erlebten Diversität und sind zugleich stolz auf ihre doppelte Identität.

Allerdings mündet der mit jüngerem Alter abnehmende Anpassungsdruck nicht immer in eine stärkere Befürwortung des kulturellen Zusammenwachsens. Obwohl eine klare Mehrheit der jüngeren Einwanderer sich für ein Zusammenwachsen der Kulturen ausspricht, ist in dieser Altersgruppe gleichzeitig  das Votum für die kulturelle Eigenständigkeit besonders stark ausgeprägt. Das betrifft allerdings nicht nur Einwandererkinder, sondern ebenso Jugendliche ohne Migrationsbiografie: 22 Prozent der unter 25-Jährigen meinen, das jeder seine eigene Kultur bewahren sollte. Diese Vorstellung eines Nebeneinanders der Kulturen als die am besten geeignete Form des Zusammenlebens von Einwanderern und Mehrheitsbevölkerung findet vor allem in bildungsferneren Milieus Zustimmung.

Diese Tendenz zur Polarisierung wird vor allem bei muslimischen Jugendlichen – zumal, wenn sie in benachteiligten Wohngebieten zuhause sind –  immer wieder problematisiert. Dabei werden oft Bilder einer abgeschotteten, für Extremismus anfälligen Generation, von Parallelgesellschaften und gescheiterter Integration beschworen. Übersehen wird allerdings, dass diese Jugendlichen die komplette Phase der Identitätsbildung in Deutschland verbracht haben, viele Kontakte zu Deutschen ohne Migrationsbiografie haben und fließend Deutsch sprechen. Dass sie dennoch die Differenz zur Mehrheitsgesellschaft betonen, wirft die Frage auf, welche Rolle das Gefühl mangelnder Anerkennung hierbei spielt.

Die Abgrenzung erscheint dann als eine Strategie der Jugendlichen im Umgang mit ihrer „hybriden Alltagswelt“ (Naika Foroutan). Während ihnen selbst die Zugehörigkeit zu zwei Kulturen selbstverständlich erscheint, fühlen sie sich eben darin von der Mehrheitsgesellschaft nicht anerkannt. Deshalb inszenieren sie eine selbst konstruierte ethnische Identität. Wissenschaftler sprechen hier von einer „erfundenen Tradition“ (Eric Hobsbawm), die sich aus idealisierenden Projektionen auf die familiäre Einwanderungsgeschichte speist und mit dem Bild korrespondiert, das die deutsche Gesellschaft von diesen Jugendlichen hat.

Diese Tendenz zur Selbstethnisierung hat den Charakter einer Reaktion. Sie ist weniger das Ergebnis einer gescheiterten Integration, sondern eher der fehlenden Anerkennung der Bindestrich-Identitäten von Kindern aus Einwandererfamilien. Subjektiv als Diskriminierung und Ausgrenzung gedeutete Erfahrungen werden in der Folge durch ein neues konstruiertes Wir-Gefühl beantwortet, dem  durchaus segregierende und konfliktträchtige Tendenzen innewohnen können. Insofern ist es wichtig, dass die Gesellschaft lernt, damit umzugehen, dass Deutsche mit Einwanderungsbiografien durchaus in zwei Kulturen zuhause sein können. Stellt sie deren Zugehörigkeitsgefühl in Frage, droht die Balance in Richtung bloßer kultureller Selbstbehauptung zu kippen.

 

Die Gretchenfrage in der Einwanderungsgesellschaft

Zugehörigkeitsunsicherheit kann auch dazu führen, dass insbesondere junge Muslime ihre Religion als Abgrenzungsmerkmal unterstreichen. Die Religion nimmt dabei die Rolle eines kulturellen Mediums an, mit dem man die eigene Identität verortet, indem man sie verteidigt. Auch missbrauchen manche Radikale den Islam als ein identitätsstiftendes Surrogat für mangelnde Perspektiven der Jugendlichen in Schule und Beruf. Demgegenüber kursiert in der Öffentlichkeit ein verzerrtes Bild vom Islam: Der Islam soll demnach nur schwer vereinbar mit der von christlichen Traditionen geprägten Mehrheitsgesellschaft sein. Das führt zu der Frage, welche Bedeutung der Religion für das Zusammenleben in der Einwanderungsgesellschaft zukommt.

Die Ergebnisse des Religionsmonitor 2017 zeigen die ambivalente Rolle, die Religion und Religiosität für das Miteinander in Vielfalt spielen. Einerseits gibt es einen Zusammenhang mit dem Wunsch nach Abgrenzung und kultureller Eigenständigkeit. So plädieren Christen, die wenig religiös sind und beispielsweise nur selten in die Kirche gehen, mit einem Anteil von 18 Prozent deutlich häufiger für eine kulturelle Eigenständigkeit als mittel­ oder hochreligiöse Christen (8 bzw. 10 Prozent). Unter den Muslimen sind es umgekehrt die Hochreligiösen, die mit 20 Prozent am häufigsten dieser Möglichkeit zustimmen; unter nicht praktizierenden Muslimen sind es hingegen nur 14 Prozent. Wo wenig religiöse Christen ihre althergebrachten Traditionen vom Islam bedroht sehen, ziehen sich hochreligiöse Muslime häufiger zurück, weil sie den Islam nicht als gleichwertige Religion anerkannt wissen.

Andererseits ist sowohl unter hochreligiösen Christen als auch unter hochreligiösen Muslimen der Anteil derer am höchsten, die sich für ein kulturelles Zusammenwachsen aussprechen. Unter praktizierenden Christen liegt der Anteil bei 39 Prozent, unter praktizierenden Muslimen bei 49 Prozent. Auch sind die kulturellen Anpassungserwartungen in der Gruppe der hochreligiösen Christen und Muslime seltener zu finden als in den Gruppen der niedrig- und mittelreligiösen Befragten. Besonders deutlich ist der Unterschied unter Muslimen: Während 53 Prozent der wenig religiösen Muslime eine kulturelle Anpassung der Einwanderer fordern, sind es nur 30 Prozent der hochreligiösen Muslime.

Das erscheint zunächst überraschend, wird hochreligiösen Menschen doch häufig unterstellt, dass sie konservativere Einstellungen hätten und seltener zu Veränderungen bereit seien. Religiosität scheint aber offensichtlich als Brücke zwischen den verschiedenen Kulturen zu funktionieren. Ein Grund dafür mag darin liegen, dass Religionen solidarische Werte vermitteln und keine nationalstaatlichen Grenzen kennen. Gelebte Religion verbindet demnach und kann durchaus förderlich für ein gelingendes Zusammenleben in kultureller Vielfalt wirken. Wird Religion hingegen auf ihre Identitätsleistung reduziert, errichtet sie Barrieren. Ebenso problematisch ist es, wenn Religionen als nicht gleichwertig anerkannt werden.

Ein neues Zugehörigkeitsgefühl

In der Zusammenschau belegen die Ergebnisse des Religionsmonitors 2017, dass das Zusammenleben der verschiedenen Kulturen und Religionen im Einwanderungsland Deutschland auf einem guten Weg ist, aber nicht frei von Konflikten. Das Bewusstsein für Vielfalt und die Anerkennung von Vielfalt gehören heute noch nicht zur gesellschaftlichen Normalität. Unter den Deutschen aus Einwanderfamilien ist die Zugehörigkeitsunsicherheit weit verbreitet. Und das Miteinander der Religionen pendelt häufig zwischen Ausgrenzung und einer falsch verstandenen Toleranz, die Unterschiede einzuebnen sucht, etwa indem religiöse Feste „neutralisierend“ umbenannt werden. Die Untersuchungsergebnisse weisen aber darauf hin, dass ein gesellschaftlicher Lernprozess in Gang gekommen ist und die Bereitschaft, aufeinander zuzugehen, wächst.

Dieser Lernprozess ist äußerst voraussetzungsvoll, setzt er doch die Bereitschaft auf allen Seiten voraus, das jeweils bis heute Selbstverständliche im interkulturellen Austausch transformieren zu wollen. Das bedeutet nicht, die eigene Identität aufgeben zu müssen. Vielmehr geht es darum, die multiplen Zugehörigkeiten von Einwanderern und deren Religion als gleichwertig anzuerkennen. Dazu bedarf es eines neuen Zugehörigkeitsgefühls. Denn nur auf Augenhöhe lässt sich aushandeln, wie wir in der Einwanderungsgesellschaft zusammenleben wollen.

Die auf den Menschenrechten basierende demokratische Gesellschaftsordnung Deutschlands stellt dafür den idealen Rahmen dar. Denn nur diese Ordnung garantiert jedem Menschen das Recht, sich selbstbestimmt in religiösen, weltanschaulichen und kulturellen Fragen zu orientieren und zu organisieren, solange dies die gleichen Rechte aller anderen nicht einschränkt. Damit zeigt sich Deutschland offen für Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur und Sprache. Jetzt kommt es darauf an, das Zusammenleben in Vielfalt zu gestalten.



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