Der Islam in Europa wird immer europäischer

Islam und Europa: Für viele gehört das nicht zusammen. Dabei werden gerne historische Gründe  angeführt. Vergessen wird hingegen meist, dass einst das Christentum aus dem Nahen Osten eingewandert ist. Die Vielfalt, die heute Europa prägt, ist das Ergebnis einer langen Geschichte von Wanderungsbewegungen, des Austauschs und der Übersetzungen, aber auch häufig von kriegerischen Auseinandersetzungen.

Auf diese Weise ist auch der Islam ein Teil Europas geworden – und zwar nicht erst durch Einwanderung in den letzten Jahrzehnten. In Albanien, Kosovo sowie Bosnien und Herzegowina ist die Religion seit Jahrhunderten tief verwurzelt, Muslime bilden hier die Mehrheit. Im EU-Land Zypern machen Muslime etwa ein Viertel der Bevölkerung aus.

In Europa sind Muslime schon lange zu Hause – und bis heute eine Minderheit

Abgesehen davon bilden Muslime – anders als viele denken  – in Europa nach wie vor eine kleine Minderheit. Frankreich hat, auch bedingt durch seine koloniale Vergangenheit, mit 8,8 Prozent den höchsten muslimischen Bevölkerungsanteil: Gut 80 Prozent der hier lebenden Muslime stammen aus dem Maghreb. In Großbritannien – ebenfalls eine alte Kolonialmacht – haben 70 Prozent der Muslime ihre Wurzeln in Südasien. Ihr Bevölkerungsanteil liegt gleichwohl bei nur 6,3 Prozent. In anderen west- und mitteleuropäischen Ländern ist vor allem der Bedarf an Arbeitskräften verantwortlich für die muslimische Einwanderung. In den letzten Jahrzehnten kam die Aufnahme von Geflüchteten – aus dem ehemaligen Jugoslawien und unter anderem aus Syrien und Afghanistan – hinzu. So liegt der muslimische Bevölkerungsanteil in Schweden bei 8,1 Prozent und in Belgien bei 7,9 Prozent. In Österreich sind es 6,9 Prozent und in der Schweiz 6,1 Prozent. Gleichauf liegt Deutschland, wo trotz der jüngsten Fluchtmigration immer noch 59 Prozent der Muslime aus der Türkei stammen.

Verschwindend gering ist der muslimische Bevölkerungsanteil mit unter 0,5 Prozent in den Ländern, die bedingt durch den Eisernen Vorhang keine Arbeitsmigration wie in Westeuropa kennen.  Dazu zählen etwa Polen, die Slowakei, die Tschechische Republik und Rumänien.

Auch wenn die Zahl der Muslime in Europa in den nächsten Jahren weiterwachsen wird – wovon Experten ausgehen – sind wir weit von einer „Islamisierung“ entfernt, wie sie Rechtspopulisten behaupten. Insgesamt lebten 2016 in Europa (28 EU-Länder, Schweiz und Norwegen) rund 26 Millionen Muslime – das entspricht einem Anteil von 4,9 Prozent.

Das Islambild in den Medien schürt Ängste …

Am Ende sind es nicht Bevölkerungszahlen, die Auskunft darüber geben können, ob Europa nun islamischer wird – oder nicht viel mehr der Islam europäischer. Zwar scheint in aktuellen öffentlichen Debatten die erste Variante im Vordergrund zu stehen und wird in Schlagzeilen und Titelbildern als Bedrohung inszeniert. Solche Cover-Erzählungen verkaufen sich auch deswegen gut , weil sie bestehende Ängste in der Bevölkerung aufgreifen – und verstärken.

Tatsächlich bestätigen Umfragen immer wieder, dass die Mehrheit der nichtmuslimischen Deutschen dem Islam ablehnend gegenübersteht. Im jüngsten Religionsmonitor der Bertelsmann Stiftung gaben 57 Prozent der Befragten an, den Islam als Bedrohung zu empfinden. 61 Prozent waren der Ansicht, er passe nicht in die westliche Welt. Es zeigt sich, dass viele Menschen den Islam offenbar nicht mehr als Religion wahrnehmen, sondern als eine tendenziell demokratiefeindliche und extremistische Ideologie.

… hat aber wenig mit der Lebensrealität der meisten Muslime zu tun

Damit hat sich in Europa ein Islambild etabliert, das zwar vor allem durch islamistische Terroranschläge genährt worden ist, aber nur sehr wenig mit der Realität der Muslime in Europa zu tun hat. Zahlreiche Untersuchungen belegen, dass eine Europäisierung des Islam – von vielen Kritikern immer wieder eingefordert – längst stattfindet. In Deutschland etwa unterscheiden sich die Einstellungen und Sichtweisen der hier lebenden Muslime in Bezug auf demokratische Grundwerte kaum von denen der Mehrheitsgesellschaft. Auch lässt sich eine Loslösung von traditionellen Geschlechterrollen feststellen – wie etwa der Anstieg des Heiratsalters, die abnehmende Kinderzahl und wachsende Scheidungsraten dokumentieren. Wie auch andere Einwanderungsgruppen gleichen sich Muslime in Bezug auf Bildungsgrad und Einkommen von Generation zu Generation immer weiter der einheimischen Bevölkerung an – bei den Sprachkenntnissen ohnehin. Muslime sind also längst mitten in Europa angekommen. Sie haben pragmatische Wege gefunden, ihre Religiosität mit dem Leben in einer mehrheitlich nicht muslimischen Gesellschaft in Einklang zu bringen. Mehr noch: Sie nutzen ihre Religion als Ressource, um in der Gesellschaft, in der sie leben, ihren Ort zu finden.

Als Religion ist auch der Islam eine positive soziale Kraft

Der Aspekt, dass der Islam – wie auch jede andere Weltreligion – eine Ressource darstellt, die der Lebensbewältigung dient, Zusammenhalt stiftet und das Zusammenleben fördert, gerät in der gegenwärtigen Debatte vollends außer Acht. Dabei ist das eine Erfahrung, die nicht nur die Muslime teilen, sondern die immer dort erlebt werden kann, wo Begegnung möglich ist und gesucht wird. Viele Moscheegemeinden pflegen interreligiöse Kontakte und bringen sich mit eigenen sozialen Aktivitäten  in die Gesellschaft ein. Zahlreiche muslimische Gemeinden waren und sind auch in der Flüchtlingshilfe engagiert.

Religiosität kann für Muslime aber auch auf der Suche nach einem passenden Ort in der Gesellschaft zu einem Hindernis werden. Nicht, weil Muslime ihren Glauben als inkompatibel mit der Gesellschaft empfinden, sondern weil sie ihre religiöse Praxis in ihrem sozialen Umfeld oft nur schwer umsetzen können. So lassen sich am Arbeitsplatz die Gebetszeiten oder der Ramadan oft nicht einhalten. Und nicht jeder Arbeitgeber stellt eine Muslimin, die Kopftuch trägt, ein.

Die europäischen Länder gehen unterschiedlich mit solchen Herausforderungen um. In Großbritannien etwa gehört es zum multikulturellen Selbstverständnis, dass es bei der Polizei offizielle Uniformvarianten für ethnische Minderheiten gibt: Für Musliminnen etwa eine Uniform mit Hidschāb oder, wie zum Beispiel in West Yorkshire, eine weniger taillierte Uniform.

Negatives Islambild als Deutungsmaßstab

Auch in Deutschland gewinnt die Diskussion an Fahrt. Die Nachkommen der Arbeitsmigranten aus den 1960er Jahren sind inzwischen sozial aufgestiegen und viele besetzen höhere berufliche Positionen. Und so gibt es heute auch Musliminnen, die selbstbewusst einfordern, kopftuchtragend dem Beruf der Lehrerin nachgehen  oder ein Rechtsreferendariat ableisten zu dürfen . Die notwendige Debatte zu der Frage, wie sichtbar Religion in öffentlichen Einrichtungen und beruflichen Funktionen sein darf, gerät allerdings in eine Schieflage, wenn sie den Islam unter Generalverdacht stellt. Das erleben Musliminnen beispielsweise dann, wenn ihnen unterstellt wird, demokratische Grundwerte abzulehnen, nur weil sie religiöse Symbole tragen. Damit wird das negative Islambild der Mehrheit zum Deutungsmaßstab erhoben; und es bleibt kein Raum mehr für die Frage, wie die betroffenen Frauen selbst ihre Religion auslegen.

Der europäische Islam ist vielstimmig und der Demokratie zugewandt

Genau diesen Raum braucht es aber, wenn Musliminnen und Muslime sich mit ihrem Glauben auseinandersetzen sollen – streitbar, fromm und selbstbewusst und in diesem Sinne weder bevormundet durch konservative Vorbeter noch durch die Mehrheitsgesellschaft. Religion, das gilt es dabei im Blick zu halten, ist kein monolithischer Block, sondern eine Praxis, die ihre Maßstäbe aus der Auslegung der Tradition zieht und zugleich in soziale und kulturelle Kontexte eingebunden ist. Im steten Austausch damit gewinnt sie erst Gestalt. Auf diese Weise hat auch der Islam im europäischen Kontext eine spezifische Kontur entwickelt. Ihr Kennzeichen ist eine Vielstimmigkeit, die es in vielen muslimischen Staaten gerade eben nicht gibt. So wird unter muslimischen Gelehrten derzeitig lebhaft diskutiert, welchen Beitrag die islamische Ethik und damit auch die Scharia als Methode der Rechtsfindung zur Begründung der liberalen Demokratie leisten können.

Damit Europa die Chance der eigenen Vielfalt nutzen kann, muss solchen Debatten Raum gegeben werden. In diesem Raum kann sich dann auch ein spezifisch europäischer Zugang zum Islam konstituieren. Ein solch europäischer Islam erschöpft sich nicht darin, radikalen Positionen eine Absage zu erteilen, sondern spiegelt die vielfältigen muslimischen Stimmen in Europa wider, die ihre Wirkung bis in die islamische Welt hinein entfalten können.  Das aber gelingt nur dann, wenn die europäischen Gesellschaften ihren eigenen Anspruch, weltoffen und pluralistisch zu sein, auch tatsächlich ernst nehmen und den Dialog mit den Muslimen suchen. Denn ein einheimisch gewordener Islam ist keine Bedrohung, sondern – wie jeder andere Glauben auch – eine Bereicherung für die Vielfalt auf diesem Kontinent.

 

 

 



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