Städte in Deutschland: Wer Vielfalt wagt, gewinnt

Deutschlands Städte sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Und doch sehen sie sich ähnlichen Herausforderungen gegenüber. Nahezu alle Städte in Deutschland werden aktuell mit der Herausforderung konfrontiert, mit der wachsenden kulturellen Vielfalt ihrer Stadtbevölkerung umzugehen.

 

Unterschiedliche Städte – unterschiedliche Herangehensweisen

Die Städte reagieren auf diese Herausforderung ganz unterschiedlich. Ihre Erfahrungen und Herangehensweisen im Umgang mit Vielfalt haben wir in unserer aktuellen Studie „Kulturelle Vielfalt in Städten. Fakten – Positionen – Strategien“ untersucht.

Alle Städte haben individuelle Gegebenheiten: Sie unterscheiden sich zum Beispiel hinsichtlich ihrer Größe und wirtschaftlichen Situation. Manchen fällt es durch bestimmte Faktoren leichter, mit der kulturellen Vielfalt umzugehen als anderen. Die Studie zeigt, dass Vielfalt insgesamt besser dort gelingt, wo sie bereits seit längerer Zeit vertraut ist und Menschen anderer Herkunft fest in die lokale Wirtschaft integriert sind, wie es in Städten mit einer Prägung durch „Gastarbeiter“ der Fall ist. Haben Städte mit Problemen wie Strukturschwäche zu kämpfen und erst wenige Erfahrungen im Umgang mit dem Thema gesammelt, ist es für sie schwieriger, mit der kulturellen Vielfalt umzugehen.

Die Studie, die Prof. Dr. Felicitias Hillmann und Hendrikje Alpermann vom Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung in Kooperation mit der TU Berlin im Auftrag der Bertelsmann Stiftung durchgeführt haben, identifiziert sechs Stadttypen im Hinblick auf ihre Erfahrungen und ihren Umgang mit kultureller Vielfalt: „Magnete“, „Solide“, „Ambivalente“ „Nachholer“, „Gestalter“ und „Unerfahrene“.

Magnetstadt Frankfurt

Frankfurt am Main ist so eine „Magnet“-Stadt, die besonders viele Einwanderer aus aller Welt anzieht. Die Stadt und ihre Menschen sind so sehr in Bewegung, dass sich die gesamte Bevölkerung rein rechnerisch innerhalb von 15 Jahren komplett austauscht, wenn man die Zu- und Fortzugszahlen betrachtet. Mittlerweile haben 70 Prozent aller Frankfurter Kinder unter sechs Jahren einen Migrationshintergrund. Dass die Stadt heute von dieser Vielfalt profitiert, liegt auch daran, dass sie früh auf die Entwicklungen reagiert und schon vor knapp 30 Jahren als erste deutsche Stadt ein eigenes Amt für multikulturelle Angelegenheiten eingerichtet hat.

 

Newcomer Neubrandenburg

Ganz anders sieht es in Neubrandenburg aus. Die Stadt an der Mecklenburgischen Seenplatte kam bis vor wenigen Jahren kaum mit dem Thema kulturelle Vielfalt in Berührung. Im Jahr 2017 änderte sich das rasch durch den Zuzug einer Vielzahl von geflüchteten Menschen. Neubrandenburg ist also noch relativ unerfahren, was den Umgang mit der kulturellen Vielfalt seiner Stadtbevölkerung angeht. Zunächst reagierten die Menschen dort skeptisch. Die Stadt hatte „eigene“ Probleme, wie die hohe Arbeitslosigkeit und die negative demografische Entwicklung. Neubrandenburg hat aber erkannt, dass die Zuwanderung für die Zukunft der Stadt wichtig ist. Deshalb hat sie inzwischen Integrationsmaßnahmen umgesetzt. Die Stadt versucht, den aus dem Ausland zugewanderten Bewohnern eine langfristige Perspektive zu geben, um sie zu halten.

 

Gestalter Germersheim

Wie unterschiedlich die Gegebenheiten der Städte, aber auch ihr Umgang mit der kulturellen Vielfalt sind, zeigt das Beispiel der Stadt Germersheim in Rheinland-Pfalz. In Germersheim haben mehr als die Hälfte der 20.000 Einwohner ausländische Wurzeln. Durch die Grenznähe zu Frankreich verfügt die Stadt bereits über einen reichen Erfahrungsschatz im Umgang mit kultureller Vielfalt. Als Hochschul-, aber auch als wichtiger Wirtschaftsstandort wird Internationalität in Germersheim stärker geschätzt als in vergleichbaren deutschen Städten dieser Größenordnung. Germersheim überrascht durch seine Bemühungen um eine aktive Gestaltung der Vielfalt und arbeitet im Bereich der Integration eng mit dem Landkreis zusammen. Die Stadt ist eine von neun Projektkommunen des Deutschen Instituts für Urbanistik, das sich mit dem Projekt „Vielfalt in den Zentren von Klein- und Mittelstädten – sozialräumliche Integration, städtische Identität und gesellschaftliche Teilhabe“ zum Ziel gesetzt hat, die Handlungsansätze in Stadtentwicklung und Integrationspolitik stärker zusammenzuführen.

 

Städte, nutzt eure Spielräume!

Trotz der positiven Entwicklungen in vielen deutschen Städten gibt es noch viel zu tun. Insgesamt sind einige Städte noch zu zögerlich, was die aktive Gestaltung der kulturellen Vielfalt angeht. Viele von ihnen tun sich bislang noch schwer, geeignete Maßnahmen zu ergreifen, um den Herausforderungen zu begegnen.

Gerade Städte haben jedoch das Potenzial, als „Laboratorien der Vielfalt“ innovative und pragmatische Formen des Zusammenlebens zu entwickeln. Vor Ort lassen sich neue Ideen zur Gestaltung unserer Gesellschaft leichter umsetzen, und im lokalen Rahmen können Strategien einfacher erprobt werden als auf gesamtstaatlicher Ebene. Diesen Spielraum, den die Städte genießen, sollten sie in Zukunft noch stärker nutzen! So können sie eine Vorreiterrolle im Hinblick auf ein gelingendes Zusammenleben in Vielfalt einnehmen.

Damit gute Lösungsansätze leichter entstehen und sich verbreiten, ist es wichtig, dass sich die Kommunen untereinander über Erfolge wie auch Fehler und Rückschläge im Umgang mit Vielfalt austauschen, etwa im Rahmen von Städtenetzwerken, auch international über Ländergrenzen hinweg.

 

Aktive Gestaltung lohnt sich

Städte, die sich intensiver mit dem Thema kulturelle Vielfalt beschäftigen und ihre Angebote für alle Bewohnergruppen attraktiver machen, haben größeres Potenzial, sich im Ganzen positiv zu erneuern. Wird kulturelle Vielfalt zu einem festen und ressortübergreifenden Bestandteil der Stadtentwicklung, erhöht dies die Chancen, dass sich die Potenziale von Vielfalt zum Vorteil aller entfalten.

Die aktive Gestaltung der kulturellen Vielfalt bedeutet durchaus Anstrengung und erfordert ein gewisses Maß an Offenheit für Wandel. Doch sie ist eine lohnende Investition in die Zukunft – gerade auch in Städten, die aktuell mit wirtschaftlicher Stagnation und Schrumpfung ihrer Bevölkerung konfrontiert sind.

Redewendungen klingen oft abgegriffen, aber in diesem Fall stimmt: Wer (Vielfalt) wagt, gewinnt.

Die komplette Studie finden Sie hier zum kostenlosen Download.



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