Integrationsvorbild Mechelen – Teil 2: Kleine Schritte, große Wirkung

Bürgermeister Bart Somers, den wir im ersten Teil der dreiteiligen Mechelen-Serie von „Vielfalt leben“ vorgestellt haben, hat die belgische Stadt in drei Amtszeiten völlig umgekrempelt: von der Kriminalitätshochburg zu einer lebenswerten, multikulturellen und wieder wachsenden Stadt. Teil 2 beschäftigt sich mit den Details seiner Arbeit – und kommt dem „Wunder von Mechelen“ so ein wenig auf die Spur.

Wenn man sich näher mit Mechelen beschäftigt, fällt auf: Die erfolgreiche Integrations- und Stadterneuerungspolitik ist das Resultat vieler kleiner Schritte. Bart Somers nutzt die ganze Klaviatur zwischen harter Regulierung und softer Überzeugungsarbeit. Und wenn sich etwas nicht direkt erreichen lässt, gibt es indirekte Wege, um zum Erfolg zu kommen. Und dann gibt es natürlich auch sehr kreative Lösungen. Integration und Stadtentwicklung sind inkrementell, also ein Prozess vieler Maßnahmen und spannender Details.

Die Ordnungspolitik

Das Stadtzentrum von Mechelen ist heute geradezu peinlich sauber, von Kameras und Polizeistreifen überwacht, und voller kleiner Geschäfte und Cafés. In den Straßen gibt es Lieferverkehr nur vormittags, ansonsten dürfen nur Anwohner ins Zentrum. Der Erfolg ist überall in der Stadt sichtbar. Es gibt keine leerstehenden Ladengeschäfte mehr, Shopper mischen sich mit Touristen, die die mittelalterlich geprägte Stadt für sich entdecken. Dahinter steckt ein System, das auch zu harten Mitteln greift. „Kioske müssen bei uns eine Extra-Steuer von 10 000 Euro zahlen“, erklärt Bart Somers. Aber die Steuer wird ausgesetzt, wenn der Besitzer einen Vertrag mit der Stadt abschließt. Darin verpflichtet er sich zum Beispiel, keinen Alkohol an Jugendliche abzugeben, nachts für Ruhe zu sorgen und in einem Umkreis von 50 Metern um das Geschäft für Sauberkeit zu sorgen. Wer das dann nicht einhält, bekommt Ärger.

Zuckerbrot und Peitsche

Auf ganz ähnliche Weise hat es Somers erreicht, dass die Lieferdienste in der Stadt auf leise E-Mobile oder E-Bikes umgestiegen sind. Ebenfalls wirksam war die Idee, eine Extra-Steuer auf leerstehende Geschäfte zu erheben. Das motivierte die Hausbesitzer, die Mieten zu senken statt die Läden leer stehen zu lassen. Auch hier blieb es aber nicht bei der negativen Sanktion. „Von der Stadt bekommen wir Hilfe bei der Unternehmensgründung, wenn wir ein Geschäft aufmachen wollen“, berichtet Michel, der junge Barista und Inhaber vom kleinen Sweet b Café neben dem Rathaus.

Die Kulturpolitik

Nachdem es lange Zeit kaum ein Nachtleben in Mechelen geben hat, hat das strenge Ordnungsregime der Stadt auch hier Wirkung gezeigt. „Endlich ist hier abends wieder etwas los“, sagen Jugendliche, wenn man sie nach den Veränderungen in der Stadt fragt. Mit dem „Golden Carolus“ hat Mechelen ein bereits als „bestes dunkles Bier der Welt“ ausgezeichnetes Traditionsprodukt vorzuweisen. Überhaupt atmet die Stadt mit ihrem mittelalterlichen Kern überall Geschichte. Und alles Alte wurde von der Stadt in den letzten Jahren neu herausgeputzt. Neue Projekte verändern den Ruf von Mechelen zusätzlich: In der „Kazerne Dossin“, von wo im Zweiten Weltkrieg 25 000 Juden nach Auschwitz in den Tod geschickt wurden, gibt es seit 2012 ein bemerkenswertes Museum, das es sogar in den Erfolgsroman „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse geschafft hat.

Zusammen leben und wohnen

Ein wichtiger Aspekt in der Politik Mechelens ist der ständige Versuch, Trennungen von Migranten, Muslimen und Flamen zu verhindern und zu überwinden. Keine Ghettos zuzulassen ist die vielleicht wichtigste Linie von Bürgermeister Bart Somers. In langen Prozessen ist es gelungen, flämische Eltern zu überzeugen, ihre Kinder auch in Schulen mit hohem Migrantenanteil zu schicken. Hilfreich ist dabei, dass die Stadt seit einigen Jahren wieder neue Bürger anlockt, auch solche mit hohem sozialen Status. Eine neue Idee soll die Situation in den Sozialwohnungen von Mechelen verändern. „Wir vermieten einen Teil der Sozialwohnungen an Menschen, die eigentlich keinen Anspruch darauf haben“, erläutert Bart Somers. Diese Familien erhalten sogar eine verminderte Miete, um dort einzuziehen. Im Gegenzug verpflichten sie sich, einige Stunden in der Woche Gemeinschaftsarbeit im Haus zu leisten.

Kostenlose Sozialarbeiter

Wer die Stadt (buchstäblich) in Ordnung bringt, kann auch in Sachen Integration etwas bewegen. So lässt sich die jüngste Geschichte von Mechelen zusammenfassen. Wer bürgerlich geprägte und besser gestellte Menschen dazu motivieren kann, seine Kinder auf vorgeblich „schlechte“ Schulen zu schicken, in sozial nicht ganz so tolle Viertel zu ziehen oder sich in einem Verein oder einer Initiative zu engagieren, erhält „Sozialarbeiter, die nichts kosten“, wie Bart Somers sagt. Und es entstehen reale Kontakte, die Vorurteile abbauen und neue Sichtweisen ermöglichen. Wie das konkret aussieht und wie Bart Somers es schafft, Verbündete zu finden, davon handelt der 3. und letzte Teil der Mechelen-Serie.



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