Leuchturm Leicester: Vielfalt aktiv gestalten

Als der indischstämmige Schriftsteller Farrukh Dhondy in den späten 1960er Jahren an der Leicester University studierte, war es für ihn kaum möglich, ein Zimmer zu finden. „Immer wenn die Vermieter mich sahen, hieß es, der Raum wäre leider schon vergeben“, erinnerte er sich vor zwei Jahren anlässlich des wichtigsten Ereignisses in der jüngeren Geschichte der Stadt: Außenseiter Leicester City, der lokale Fußballverein, holte 2016 den britischen Meistertitel. Dhondy fiel bei den TV-Übertragungen etwas Besonderes auf: die unzähligen Fans indischer Herkunft, die mit dem Verein feierten. „Zu meiner Zeit“, so der Autor, „ließ man sich als Inder besser nicht auf der Straße blicken, wenn die Hooligans in Leicester feierten.“ Die Fußballfans waren als besonders aggressiv und rassistisch bekannt. Offensichtlich, so der Autor, habe sich in der Stadt etwas Grundlegendes verändert.

„White British“ ist heute eine Minderheit

Tatsächlich gilt die Industriestadt in Mittelengland mittlerweile als Vorbild für multikulturelles Zusammenleben in Großbritannien. Und das vor dem Hintergrund sehr hoher Diversität. Von den 344.000 Einwohnern sind 36,7 % im Ausland geboren. Bekannt ist Leicester vor allem für den hohen Anteil an indisch- und pakistanischstämmigen Einwohnern, von denen alleine rund 60.000 in den 1970er Jahren aus unsicher gewordenen afrikanischen Ex-Kolonien in die Stadt einwanderten. (Mit Anzeigen in ugandischen Zeitungen versuchte Leicester damals vergeblich, dies zu stoppen.) Hinzu kommen heute zahlreiche Menschen aus EU-Ländern, Nord- und Subsahara-Afrika. Afghanistan, Irak oder Somalia. Bei der letzten Volkszählung im Jahr 2011 waren noch 50,6 Prozent der Einwohner Leicesters „White“.  Mittlerweile gehört sie zu den wenigen „majority-minority cities“, in denen die „White British“-Bevölkerung nicht mehr die Mehrheit stellt.

Hohe ethnische Vielfalt prägt die Stadt

Die Herkunft der Bevölkerung zeigt sich auch in der religiösen Vielfalt. Die drei größten Religionsgemeinschaften innerhalb der Bevölkerung stellen Christen mit etwa 30 Prozent, Moslems mit 20 Prozent und Hindus mit 15 Prozent. Der Anteil von Personen christlichen Glaubens ist im Vereinigten Königreich nur in London geringer. Doch die religiöse Vielfalt trägt zum Reiz der Stadt bei. Weithin bekannt ist, dass es in Leicester das größte Diwali, das mehrtägige hinduistische Lichterfest, außerhalb Indiens gibt – „a street party like no other“, wie die Stadt in ihrer Tourismuswerbung verspricht.

Die Vielfalt der Stadt spiegelt sich auch im Stadtbild. Restaurants und Läden verleihen Leicester ein internationales Flair. Besonders sichtbar wird dies in der im Südwesten des Zentrums gelegene Narborough Road mit Ladenbesitzern aus über 20 Ländern, bekannt als die multinationalste Straße Englands.

Förderung des friedlichen Zusammenlebens

Seit den 1980er Jahren gab es in Leicester Bemühungen, die ethnischen Minderheiten in der Stadt stärker in die Politik einzubinden und das Verständnis zwischen den Gruppen zu stärken. Auch die Religionsgemeinschaften wurden einbezogen. In den 2000er Jahren intensivierte die Stadt ihre Integrationsbemühungen. Sichtbarster Ausdruck war ab 2004 eine „Community Cohesion Strategy“ in Leicester. Aufgrund neuer Zuwanderungsgruppen und der wachsenden Bedrohung durch Extremismus wurde die Strategie 2009 aktualisiert.

Mit diesem Programm entwickelte die Stadt zahlreiche Maßnahmen, um die unterschiedlichen Gemeinschaften zusammenzuführen, gegenseitiges Verständnis fördern und neu entstandene Gemeinschaften zu unterstützen. Mehr interkulturelle Aktivitäten für Kinder und Jugendliche und die Förderung generationsübergreifender Begegnungen zählten ebenso dazu wie die Stärkung eines gemeinsamen Identitätsgefühls. Letzteres wurde auch die Branding-Kampagne „One Leicester – One Passion“ aus dem Jahr 2008 untermauert. Die Kampagne beschrieb die Vielfalt der Bevölkerung als Ressource der Stadt und Leicester als ein „intercultural centre of excellence“.

Leuchtturm Leicester

Der Stadtrat wurde bereits mehrmals für die Integrationsbemühungen ausgezeichnet. Unter anderem erhielt er im Jahr 2003 aufgrund exzellenter Leistungen zur Anerkennung von Vielfalt und im Umgang mit ethnischen, religiösen und kulturellen Spannungen den vom britischen Vize-Premierminister verliehenen „Beacon Status for Community Cohesion“ („Leuchtturm-Status für gemeinschaftlichen Zusammenhalt“) . Im Jahr 2006 erhielt die Stadt den „Beacon Status“ für ein vielseitiges Angebot an kulturellen und sportlichen Aktivitäten für schwer erreichbare Bevölkerungsgruppen.

Dass Vielfalt in der Stadt auch wirklich gelebt wird, machen zum Beispiel die 37 Prozent der Mitarbeiter deutlich, die in der Stadtverwaltung einer Minderheit angehören. Zum Vergleich: In Manchester sind dies nur 20 Prozent. Auch die Polizei gilt als vorbildlich und spiegelt die Vielfalt der Stadt wider. Eine „Equality Unit“ steht dort für Beratung und Orientierung in Diversity-Fragen bereit.

Zukunftsaussichten

Die Bemühungen um ein besseres Zusammenleben haben in Leicester Erfolge gezeigt. Viele Probleme bleiben jedoch ungelöst. Die Stadt gehört zu den zehn Prozent der am stärksten benachteiligten Gemeinden in England. Arbeitslosigkeit findet sich ausgeprägt in der muslimischen Bevölkerung, Einwohner mit pakistanischem Hintergrund leben oft in armen Verhältnissen. Englische als auch asiatische Mittelstandsfamilien zieht es vermehrt in die Vororte, was die Teilung der Stadt in arme und reiche Bezirke verstärkt. Ein geteiltes Bild zeigt auch die politische Orientierung. Bei der Abstimmung zum Brexit stimmte Leicester zwar für „Remain“, aber nur sehr knapp. Von 140 000 abgegebenen Stimmen votierten lediglich 71 000 für den Verbleib in der EU. Die übergreifende Einigkeit und Zusammengehörigkeit, die bei der Premier-League-Meisterschaft von Leicester City zum Ausdruck kam, überdeckte vielleicht nur vorübergehend, dass die Stadt trotz aller Erfolge auch noch einen weiten Weg zu gehen hat.



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