Gehören Sie aufs Gymnasium?

„Wenn Sie aufs Gymnasium gehören würden, wären Sie schon auf einem.“ Diesen Satz hat Natalya Nepomnyashcha gehört, als sie 16 Jahre alt war. „So können Träume an einem einzigen Satz eines Beamten zerschellen“ sagt sie heute dazu. In Kiew geboren, ist Natalya Nepomnyashcha in einem sozialen Brennpunkt in Bayern aufgewachsen. Ohne in Deutschland das Abitur erworben zu haben, erlangte sie 2012 über Umwege einen Master-Abschluss in Großbritannien und kam zurück nach Deutschland. Heute setzt sie sich mit ihrer Initiative „Netzwerk Chancen“ für Kinder aus sozial benachteiligten Familien ein.

 

Hart erkämpfter Bildungsaufstieg

Nepomnyaschha war noch ein kleines Kind, als ihre Eltern aus der Ukraine nach Deutschland kamen. Ihre Eltern seien „einfache Arbeiter“ gewesen und „der deutschen Sprache nicht mächtig“, erzählt sie heute. Sie hätten damals nicht verstanden, welchen Einfluss dieser Satz auf den Bildungsweg ihrer Tochter nehmen würde. Auch heute sprechen ihre Eltern nicht so gut Deutsch, sagt Nepomnyashcha. Doch ihr eigenes Leben hat sich seit ihrem 16. Lebensjahr sehr geändert. Auf sich alleine gestellt, wollte sie mehr aus ihrem Leben machen und etwas im „politischen Berlin“, wie sie es nennt, erreichen.

Also machte sie erst einmal eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin und legte Geld beiseite, um in Großbritannien ihr Abitur nachzuholen. Darauf folgte noch ein Master, ebenfalls in Großbritannien. Ein Verlust für Deutschland, solch einen klugen und ehrgeizigen Menschen nicht gehalten zu haben. Doch dann kam Nepomnyashcha zurück, und zwar in die Hauptstadt Berlin, um hier politischen Einfluss auf die Zustände zu nehmen, die ihr ihren Bildungsweg so erschwert hatten. Heute träumt Natalya Nepomnyashcha von einer Gesellschaft, in der die soziale Herkunft für die Entwicklungschancen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen keine Rolle spielen. Leistung, Persönlichkeit und Engagement sollen, ihrer Meinung nach, in erster Linie entscheiden, wie erfolgreich ein Mensch in einer Gesellschaft werden kann.

 

Ganz viele Barrieren für Kinder aus sozial schwachen Familien

Nepomnyashcha weiß aber aus eigener Erfahrung, dass das nicht immer so einfach ist. „Ich war zwar sehr aufmüpfig und habe mir sehr viel Mühe gegeben. Aber es gibt ganz viele junge Menschen aus schwierigen Verhältnissen, denen ganz viele Barrieren in den Weg gestellt werden“ erklärt sie. Seien es finanzielle Schwierigkeiten oder einfach Eltern, die keinen großen Wert auf Bildung legen und ihre Kinder nicht ausreichend unterstützten. Genau diesen Kindern will Nepomnyashcha helfen.

Sie hat sich lange Gedanken darüber gemacht, wie sie ihr Ziel erreichen könnte. Dann wurde ihre Idee immer klarer. Sie wollte ein Netzwerk schaffen, das Kindern Orientierung und neue Kontakte ermöglicht. Also gründete sie ihre Initiative „Netzwerk Chancen“, die sie bis heute ehrenamtlich neben ihrer Vollzeitbeschäftigung führt.

 

Nicht nur Kinder, sondern auch ihre Eltern unterstützen

Damit die Kinder mehr Chancen bekommen, müsse man, so Nepomnyashcha, ganz früh beginnen. „Wir müssen schon werdende Eltern erreichen. Sie müssen unterstützt werden und schon von den ersten Monaten an ihre Kinder fördern“, erklärt sie. „Eltern sollen darauf aufmerksam gemacht werden, dass selbst Bücher Vorlesen wichtig ist anstatt die Kinder vor den Fernseher zu setzen“.

Die Eltern sollten am besten Anreize bekommen, damit sie ihre Kinder in die Kitas schickten. Eine frühkindliche Sprachförderung sei enorm wichtig. Das sei aber nicht alles. „Auch in den Grundschulen muss die Förderung fortgesetzt werden. Ich begrüße zwar den Plan der Bundesregierung die Ganztagsschulen im Grundschulbereich auszubauen, doch damit ist es nicht getan. Es müssen Sozialpädagogen mit in den Unterricht zugelassen werden, damit sie Kinder individuell unterstützen können“, meint Nepomnyashcha.

 

Mehrgliedrigkeit im Schulsystem als Hindernis?

Das Schulsystem sei für den schulischen Erfolg besonders ausschlaggebend für Kinder aus sozial schwachen Familien: „Die Mehrgliedrigkeit in Deutschland ist ein großer Fehler. Man verliert Kinder überall da, wo man ihnen Barrieren baut“, findet Nepomnyashcha. „Wenn man vorgibt, mit zehn Jahren sagen zu können, wohin sich das Kind mal entwickelt, ist das einfach nur ein ‚Aussiebprogramm‘,“ sagt sie.

Doch theoretisch gibt es in Deutschland die Möglichkeit zwischen den unterschiedlichen Schulformen zu wechseln. „Klar gibt es in der Theorie die Möglichkeit, über hundert Wege das Abitur zu erlangen. Aber das ist nur die Theorie. In der Theorie kann ein Flüchtlingskind auch Bundeskanzler werden, wenn es einen deutschen Pass hat. Aber wie viele werden das?“ fragt Nepomnyashcha.

 

Prominente Gesichter im Netzwerk Chancen

Natalya Nepomnyashcha hat sich mit ihrer Initiative „Netzwerk Chancen“ zum Ziel gesetzt, mehr Kinder aus sozial schwachen Familien zu Aufsteigern zu machen. Dazu bringt sie zivilgesellschaftliche Organisationen, Politiker, Beamte, Eltern, Wissenschaftler und Schüler zusammen, um gemeinsam nachhaltige Lösungen für gleiche Bildungs- und Aufstiegschancen zu entwickeln. Partner wie die Deutschlandstiftung Integration, die Stiftung Bildung und Gesellschaft sowie die BMW Foundation glauben an Nepomnyashchas ehrenamtliches Engagement und unterstützen ihre Arbeit.

Auf der letzten Veranstaltung des Netzwerks stellte Sawsan Chebli ihre eigene Geschichte vor: Chebli, als staatenloses Kind von Geflüchteten in Berlin aufgewachsen, studierte Politikwissenschaft. Später wurde sie stellvertretende Sprecherin im Auswärtigen Amt. Seit 2016 ist sie Berliner Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement und Internationales. Genau mit solchen positiven Beispielen will Natalya Nepomnyashcha Kindern Vorbilder zeigen und sie bei ihrem Traum unterstützen.

 



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