Tariq Modood über Religion als zentrale Dimension kultureller Vielfalt

 

Worüber reden wir eigentlich, wenn wir heute über „kulturelle Vielfalt“ sprechen? Herkunft ist hierbei ein Aspekt, also ob man zum Beispiel ausschließlich in Deutschland sozialisiert ist oder ob auch andere Einflüsse in Form von Traditionen oder Werten das eigene Leben prägen, etwa weil man selbst in einem anderen Land geboren und aufgewachsen ist oder die Eltern oder Großeltern aus einem anderen Land stammen. Damit einher geht der Aspekt der Sprache: Mittels Sprache erschließen wir uns die Welt, und unterschiedliche Sprachen bedeuten vielfältige Sichtweisen und Blickwinkel auf unser Lebensumfeld. Eine weitere wichtige Facette von kultureller Vielfalt ist Religion beziehungsweise die Tatsache, dass in unserer Gesellschaft längst nicht mehr alle dieselbe religiöse Orientierung teilen. Rund ein Drittel der Menschen in Deutschland gehören zudem überhaupt keiner Religion an.

Wir haben mit Professor Tariq Modood von der University of Bristol darüber gesprochen, inwiefern kulturelle Vielfalt eine Herausforderung für die Gesellschaft darstellt. Im Videointerview erklärt er, dass kulturelle Differenz in unseren heutigen Debatten sehr stark über die Dimension der Religion definiert wird. Wenn wir heute über kulturelle Vielfalt sprechen, erläutert er, meinen wir fast immer Muslime und den Islam. Diskutiert wird das Thema in Bezug auf die Frage der nationalen Identität: Passt der Islam zu Deutschland? Können Muslime gleichzeitig Deutsche sein?

Faktisch gibt es natürlich viele Muslime in Deutschland, die deutsche Staatsangehörige sind. Doch das gesellschaftliche Selbstverständnis hinkt dieser Realität bislang hinterher, insofern „deutsch sein“ und „muslimisch sein“ weithin noch als Gegensatz empfunden wird – freilich weniger von Muslimen in Deutschland selbst als von Angehörigen der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft. Tariq Modood weist darauf hin, dass es vor allen Dingen säkular eingestellte Menschen sind, die muslimische Identitäten, die im öffentlichen Raum sichtbar werden, mit Skepsis und Unbehagen betrachten.

Die Aufgabe für die Gesellschaft besteht aus seiner Sicht darin, das gesellschaftliche Selbstverständnis, die nationale Identität, zu „pluralisieren“, das heißt für Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen zugänglich zu machen und zu öffnen. Unterschiedliche kulturelle Identitäten und die nationale Identität sollten nicht als Nullsummenspiel gegeneinander ausgespielt werden, sondern Hand in Hand gehen: Es geht darum, Unterschiede zu respektieren und zugleich eine gemeinsam geteilte Identität zu gestalten. Dies ist, wie Tariq Modood unterstreicht, kein Widerspruch. Denn die allgemeine Anerkennung von Vielfalt als zentraler Bestandteil der nationalen Identität kann eine Kraft entfalten, die verbindet.

Diese Einsicht bringt das Motto der kanadischen Stadt Toronto auf den Punkt: „Diversity Our Strength“. In Deutschland fixieren wir uns oft zu sehr auf Schwierigkeiten und Probleme. Ein kritischer Blick für die Herausforderungen komplexer Situationen ist zwar wichtig, um besonnene Lösungen zu entwickeln. Aber um überhaupt Lösungswege sehen und auch die Chancen erkennen zu können, die in der Situation stecken, müssen wir fragen: Wie können wir die vorhandene Vielfalt zu einer Stärke für Deutschland gestalten?

 



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