Jung, global, modern: Malmö macht Vielfalt zur Stärke

179 Nationalität leben nach letzten Zählungen in der südschwedischen Stadt Malmö. Das ist fast die ganze Welt. Aber eben nur fast. Warum nicht versuchen, alle 193 Nationen der UN mit zumindest einem Repräsentanten in die Stadt zu holen? Das ist die Idee von Finnur Sverrisson und seiner Initiative „Little Big Malmö“.

Vielfalt begrüßen

„Ich hätte einfach Spaß daran, in der vielfältigsten Stadt der Welt zu leben“, begründet der Aktivist sein Vorhaben. Seinem Ziel, mit Unterstützung der Wirtschaft und Crowdfunding Menschen aus so exotischen Ländern wie Palau, Nauru, Oman oder Tuvalu zum Umzug nach Malmö zu überreden, ist er in den letzten zwei Jahren zwar kaum näher gekommen, und gerade nimmt er eine Elternzeit, aber der ganze Geist von „Litte Big Malmö“ spiegelt die liberale Grundstimmung in der Stadt: Vielfalt, ja bitte, denn sie macht die Stadt lebenswerter und stärker.

 

Erfolgsgeschichte Südschweden

Als Hauptstadt der Region Skåne (Schonen) profitierte Malmö lange Zeit von der Lage am Öresund und dem relativen Reichtum des Hinterlandes. Doch in den 1990er Jahren geriet die wichtige Schiffbau- und Hafenindustrie in die Krise. 27 000 Arbeitsplätze fielen weg. In der Folge nahmen auch die Spannungen und die Spaltung zwischen Inländern und Zugewanderten zu. Bereits in den 1960er Jahren kamen viele Migranten aus Südeuropa in die Stadt, um hier in der wachsenden Industrie zu arbeiten und zu leben. Doch mit der Krise machten sich auch die Mängel in der Integration bemerkbar. Die Stadt teilte sich auf: in gute, in weniger gute und in Problemviertel wie Rosengård. „Ich komme aus diesem Ort, den die Leute Ghetto Rosengård nennen, eroberte Schweden und machte es zu meinem Land“, schrieb der 1981 in Malmö geborene Fußball-Superstar Zlatan Ibrahimović anlässlich seines Abschieds aus der schwedischen Nationalmannschaft vor zwei Jahren. Ein wenig klingt das auch wie Malmös Geschichte der letzten Jahrzehnte in Kurzform.

Die Brücke

Die Eröffnung der Öresund-Brücke zwischen Malmö und Kopenhagen im Jahr 2000 trug nicht unerheblich dazu bei, die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt wieder anzukurbeln. Malmö ist heute gemeinsam mit Kopenhagen das Zentrum eines blühenden Wirtschaftsraums von über 3 Millionen Einwohnern. Und Malmö steht wieder gut da. Die Hälfte der Bewohner ist unter 35 Jahre alt. Die OECD bewertete die Stadt als viert innovativste im OECD-Raum. Laut der Nordic Tech List hat die Stadt 2016 mehr Start-up-Kapital angezogen als jede andere Nicht-Hauptstadt Skandinaviens. Die Stadt hat den Übergang zu einer wissensbasierten Ökonomie geschafft. Allein die Arbeitslosenquote von rund 14 Prozent passt nicht recht ins Bild.

Multikulturelles Malmö

Unter den 330 000 Einwohnern werden heute 150 Sprachen gesprochen. Ein Drittel der Bevölkerung ist im Ausland geboren, 44 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Ende der 1990er Jahre begann Malmö, die Vielfalt als Potenzial zu erkennen und zu fördern. Mit einem „Aktionsplan für Integration“ (1999) und den Handlungsempfehlungen der „Kommission für ein sozial nachhaltiges Malmö“ (2013) setzte die Stadt eine Reihe von Maßnahmen ingang. Vor allem die starken sozialen und ethnischen Unterschiede zwischen den Stadtvierteln wurden adressiert. Weitere Schwerpunkt waren der gleichberechtige Zugang zum Arbeitsmarkt, multilinguale Sprachbildung und der Abbau von Sprachbarrieren beim Zugang zu öffentlichen Leistungen sowie die gesetzlichen Verpflichtung zur Antidiskriminierung.

Grafik aus unserer Studie „Von der Welt lernen. Gute Praxis im Umgang mit kultureller Vielfalt“.

Zusammenarbeit in der ganzen Stadt

Die Ziele der Politik für ein sozial nachhaltiges Malmö werden regelmäßig evaluiert. Formen der Zusammenarbeit in der Stadt haben sich etabliert, etwa das Forum „Meet Malmö“ für Führungskräfte aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Verwaltung. Seit 2015 sind hieraus 15 Initiativen entstanden. Eine davon ist „Good Malmö“, die Unternehmen motiviert, junge Menschen den Weg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern. Ein Schwerpunkt der Bemühungen liegt im Schulbereich. Im Antirasistikt skolnätverk (antirassistisches Schulnetzwerk) treten Malmös Schulen zusammen mit gesellschaftlichen Organisationen geschlossen gegen Rassismus und andere Formen der Diskriminierung auf. Für die Lehrkräfte werden Trainings und Workshops durchgeführt. Weiterhin organisiert das Netzwerk Treffen, die Raum bieten für den Austausch zwischen Schülerinnen und Schülern unterschiedlicher kultureller Hintergründe, für interkulturellen Wissensaufbau und die Suche nach Lösungen für die Vermeidung von Diskriminierung.

Zusammenleben gefördert

Mit ihren Initiativen hat die Stadt erreicht, das Bewusstsein der Bürger für die Chancen der Vielfalt zu schärfen. Die kulturelle Diversität der Bewohner wird heute als selbstverständlicher Bestandteil Malmös wahrgenommen. Die Vision der Entwicklung einer sozial nachhaltigen Stadt mit gleichberechtigten Teilhabechancen ist nicht nur Theorie geblieben. Gemeinsam mit Unternehmen und gesellschaftlichen Organisationen werden viele Aspekte des Zusammenlebens gefördert. Während des Höhepunkts der Fluchtbewegung aus dem Nahen Osten hat Schweden zunächst, gemessen an der Gesamtbevölkerung, mehr Flüchtende aufgenommen als jedes andere EU-Land. Viele landeten auf ihrem Weg nach Norden zuerst in Malmö – und blieben. Das hat die Integrationspolitik in Malmö zunächst nicht leichter gemacht.

„Fühlen Sie sich willkommen!“

Zwischen 2016 und 2017 berichteten fast alle deutschen und internationalen Medien über die „No-Go-Areas“ in der angeblichen Vorzeigestadt Malmö. Im Mittelpunkt: der Stadtteil Rosengård. Mehrere Morde und hohe Bandenkriminalität wurden hier verzeichnet, wo 60 Prozent der Einwohner im Ausland geboren sind und der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund bei über 80 Prozent liegt. Wie stimmt das mit dem jungen, optimistischen Bild der Stadt zusammen? „Das ist eine typische Frage von Menschen, die Malmö noch nicht besucht haben“, sagt „Little Big Malmö“-Initiator Finnur Sverrisson. Er habe sich in der Stadt noch nie unsicher gefühlt, und die Kriminalistätsrate sei in Wirklichkeit rückläufig. „Malmö ist eine lebendige Stadt mit einer sehr internationalen, jungen Bevölkerung, die sich zu einem Kulturzentrum und einer High-Tech-Gemeinschaft entwickelt hat“, so Sverrisson. Und lädt natürlich sofort ein: „Fühlen Sie sich willkommen, uns zu besuchen und sich uns anzuschließen!“

 

 



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