Weshalb Nationen vereint oder gespalten aus dem Lockdown kommen

Die Corona-Krise ist ein anschauliches Beispiel für einen kritischen Wendepunkt in der Geschichte von Nationen. Krisensituationen wie diese machen bestehende Verteilungskämpfe in einer Gesellschaft ungeschönt sicht- und spürbar. Wie wird ein Hilfspaket geschnürt, wer hat Zugang zum Gesundheitssystem, welche Branchen können wieder uneingeschränkt arbeiten, wer wird zuerst Anspruch auf einen Impfstoff haben? Verteilungsfragen sind oft schmerzhaft, können zu öffentlicher Wut und Trauer führen. Das Ausmaß an Kooperation, Wettbewerb oder Konflikt, das diese Krise hervorruft, kann eine abrupte Veränderung für den sozialen Zusammenhalt bedeuten. Bringt es Menschen einander wieder näher oder kann es die Einheit in der Gesellschaft untergraben?

„PWE-Studien bringen Transparenz in die Abwägungen von Regierungen und in die Präferenzen von Bürgern und Bürgerinnen“

Wenn wir verstehen, wie Bürgerinnen und Bürger Entscheidungen der Regierungen in Krisensituationen bewerten, welche Teile der Gesellschaft welche Entscheidungen unterstützen oder ablehnen, kann dies die Polarisierung in der Gesellschaft vermindern. Dies ist nichts Neues, wird aber oft falsch untersucht und dadurch falsch verstanden. Im Folgenden teile ich dazu einige Erkenntnisse aus vergangenen Forschungsprojekten an der Technischen Universität Delft.

 

Keine Schwarz-Weiß-Optionen vorlegen

Zu umstrittenen Entscheidungen werden oft zahlreiche Meinungsumfragen durchgeführt. Diese Meinungsumfragen sind allerding oft schwarz-weiß nach dem Motto „Sind Sie für oder gegen eine App?“. Die Befragten erhalten nur wenige Informationen über die positiven und negativen Auswirkungen oder über alternative Möglichkeiten. Sich schnell auf eine Seite stellen zu müssen, verstärkt in der Bevölkerung das Gefühl einer vorhandenen Polarisierung.

„Die Bürgerinnen und Bürger sitzen für einen Moment auf dem Sessel des Regierungschefs“

Besser ist es, den Bürgerinnen und Bürgern die politischen Abwägungen bewusst zu machen und sie für einen Moment auf den Sessel des Regierungschefs zu setzen. Dies hilft einerseits zu erfahren, wie sich verschiedene Maßnahmen in Krisenzeiten auf die Gesellschaft auswirken, und andererseits, wie komplex solche Entscheidungen sind.

30.000 niederländische Bürgerinnen und Bürger haben bei einem PWE Experiment wie diesem mitgemacht (PWE steht für partizipative Werte-Evaluation). Wir haben die Teilnehmer gefragt, ob die Regierung Lockerungen nach der Corona-Krise beschließen sollte, und wenn ja, welche Lockerungsoption(en) bevorzugt werden sollte(n). In einem digitalen „Vergleichsportal“ wurde den Teilnehmern online eine Auswahl von Szenarien mit den zu erwartenden Folgen z.B. für die Sterblichkeitsrate oder die Wirtschaft präsentiert. Eine wichtige Bedingung des Experiments war die Beschränkung der Belastung für das Gesundheitssystem – ein zentraler Grund für den Verteilungskonflikt. Die Teilnehmer konnten den Druck auf das Gesundheitssystem um maximal 50 Prozent  erhöhen, sich also nur für eine bestimmte Anzahl von Lockerungsmaßnahmen entscheiden. Sollte dieser Wert in der Realität höher liegen – so wurden die Teilnehmer informiert – wäre eine gerechte Versorgung der niederländischen Gesellschaft nicht mehr gewährleistet.

Ein Vorteil unseres Experimentes bestand darin, dass wir mit Hilfe statistischer Verfahren feststellen konnten, wie die Präferenzen in der Bevölkerung zueinander in Beziehung stehen. Inwiefern ist dies für die Wahl der richtigen Strategien in der Corona-Krise für den gesellschaftlichen Zusammenhalt relevant? Nehmen wir zum Beispiel die Situation, in der eine bestimmte politische Maßnahme zu einer erwarteten Verringerung der Todesfälle, aber auch zu einem Anstieg des Einkommensverlustes führt. Die Unterstützung in der Bevölkerung für diese Maßnahme hängt ebenso davon ab, wie erwartete Vor- und Nachteile von Einwohnern bewertet werden.

Unsere Ergebnisse deuten auf Folgendes hin: So lange die Zahl der Personen, die in einem Haushalt infolge der Maßnahme Einkommensverluste erleiden, unter etwa 80 pro vermiedenem Todesfall liegt, werden die Maßnahmen von der durchschnittlichen niederländischen Person netto positiv bewertet (netto heißt hier: die Vorteile überwiegen). Übersteigt die Zahl jedoch diese Grenze, ist die Nettobewertung negativ und eine steigende Unzufriedenheit über die Maßnahme in der Bevölkerung ist wahrscheinlich.

 

Verbindung zwischen Betroffenheit und Nicht-Betroffenheit herstellen

Krisensituationen verstärken das Gefühl, entweder betroffen oder nicht betroffen zu sein. Es kann eine enorme Kluft in der Einstellung und im Verhalten entstehen zwischen denjenigen, die negativ betroffen sind, und denen, die es nicht sind. Unser Forschungsansatz ermöglichte es einer großen Anzahl von Teilnehmern die positiven und negativen Auswirkungen einer Krisenentscheidung auf verschiedene Gesellschaftsgruppen zu erfahren.

„Zum ersten Mal erlebe ich die Verantwortung, die auch die politischen Entscheidungsträger erfahren.

Entscheidet sich ein Teilnehmer beispielsweise dafür, Bars und Cafés wieder komplett ohne Restriktionen zu öffnen, wird er feststellen, dass dies gut für die Wirtschaft ist, aber auch, dass die Zahl der Infektionen steigen wird. Bei jeder Entscheidung wurden die Teilnehmer über die Zahl der Todesfälle, die Zahl der physischen oder psychischen Schäden und den Rückgang der Einkommensverluste informiert. Das brachte viele Teilnehmer zum Nachdenken und machte eine vorschnelle Positionierung etwas schwieriger. Das unterstreicht eine Auswahl an Zitaten: „Zum ersten Mal erlebe ich die Verantwortung, die auch die politischen Entscheidungsträger erfahren.“ „Es hat mich zum Nachdenken gebracht, wie schwierig solche Überlegungen sind.“ „Das gibt mir ein besseres Verständnis für die Alternativen, vor denen Politiker stehen.“

Nach dem Durchlauf unseres Experimentes zeigte sich, dass die Niederländer es für sehr wichtig halten, dass politische Entscheidungen zu „Einheit“ und nicht zu „Spaltung“ in der Gesellschaft führen. Viele befürchteten, die bestehende Einheit zwischen den Einwohnern und die Unterstützung für die Coronapolitik der Regierung würden schwinden, wenn das Kabinett beschließt, die Beschränkungen für eine bestimmte Gruppe von Niederländern aufzuheben. Die Regierung hatte z.B. die Option diskutiert, Beschränkungen nur für den Norden der Niederlande, oder für diejenigen, die gegen COVID-19 immun sind, aufzuheben, sich dann aber dagegen entschieden.

„Wir müssen diese Krise gemeinsam überwinden“

Diese Befürchtung kommt ebenfalls in zahlreichen Zitaten zum Ausdruck: „Durch die Unterscheidung zwischen Menschen, die immun sind, und Menschen, die möglicherweise noch angesteckt werden oder die bereits infiziert sind, entsteht eine sehr merkwürdige Kluft zwischen Bevölkerungsgruppen.“ „Wir müssen diese Krise gemeinsam überwinden“. „Es sollte keinen Unterschied zwischen den Menschen geben. Wir leben in einem Land, und wir müssen alle die gleichen Regeln befolgen. Wir sind alle Niederländer und verdienen die gleiche Behandlung.“

 

Die Mittelgruppen nicht spalten

Ein zentrales Problem in Krisenzeiten ist die Frage, inwieweit hitzige Debatten die Ansichten der breiten Bevölkerung widerspiegeln. Meistens sind Meinungen von Gruppen überrepräsentiert, die entweder viele Vorteile oder viele Nachteile aus einer Entscheidung ziehen können. Dadurch entstehen zwei Pole, die um die Gunst der politischen Entscheider ringen und Bürger und Bürgerinnen auf ihre Seite zu ziehen versuchen. Die „stille Mittelgruppe“ hat jedoch wenig Lust an polarisierenden Diskussionen teilzunehmen, schon gar nicht in der Öffentlichkeit.

„Die stille Mittelgruppe hat wenig Lust auf polarisierende Diskussionen“

Wie wir in einer weiteren Studie über die Wünschbarkeit der Corona-App erkennen konnten, ist diese stille Mittelgruppe für den gesellschaftlichen Zusammenhalt enorm wichtig. Ungefähr ein Drittel der Teilnehmer an der Umfrage würden die App definitiv installieren. Sie sehen darin ein wirksames Mittel, um das Coronavirus einzudämmen und so viele Infektionen wie möglich zu verhindern. Ein weiteres Drittel gab an, dass sie die App auf keinen Fall installieren wollten. Die Gegner empfinden die App als einen ernsthaften Eingriff in ihre Privatsphäre und stellen die Wirksamkeit der App in Frage.

Die „stille Mittelgruppe“ hingegen hatte keine abschließende Meinung. Für diese Gruppe ist es wichtig, dass auf umstrittene Fragen gut begründete Antworten gegeben und die Auswirkungen nachgewiesen werden. Mehrere Teilnehmer machen deutlich, dass sie die App nur dann installieren werden, wenn die (sozialen und gesundheitlichen) Vorteile (u.a. die Verhinderung von Infektionen) die Nachteile überwiegen (u.a. unnötigerweise in Quarantäne zu müssen). Die Politik hat die Wahl, diese „stille Mittelgruppe“ entweder in die Blöcke der Befürworter und Gegner zu spalten, oder sie als Vermittlergruppe zu gewinnen, die auf verschiedene Bedenken Rücksicht nimmt.

Kurzum, PWE-Studien bringen nicht nur Transparenz in die Abwägungen von Regierungen und in die Präferenzen von Bürgern und Bürgerinnen. Sie erhöhen auch die Chance auf den größten gemeinsamen Nenner und können als Instrument für vorausschauende Politik und gesellschaftlichen Zusammenhalt eingesetzt werden.

 

Dr Anatol Itten ist Wissenschaftler an der Technischen Universität Delft und Dozent für politische Theorie an der Universität Stuttgart. Er ist Mitbegründer des Disrupted Societies Institute in Amsterdam und Autor von Overcoming Social Division. Vor Kurzem ist sein Beitrag im IFA Kulturreport erschienen.



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