Serie über Zusammenhalt in Zeiten der Krise | Teil 2: Belastungstest für die sozialen Netze

Über die Serie: Im Projekt „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“ untersuche ich seit 2012, wie es um das gesellschaftliche Miteinander in Deutschland bestellt ist. Grundlage ist ein Modell mit neun Dimensionen: Soziale Netze, Vertrauen, Akzeptanz von Diversität, Identifikation, Institutionenvertrauen, Gerechtigkeitsempfinden, Solidarität und Hilfsbereitschaft, Anerkennung sozialer Regeln und gesellschaftliche Teilhabe. In jedem Teil dieser Serie werde ich darauf eingehen, welche Auswirkungen die Coronakrise auf jeweils eine der Dimensionen von Zusammenhalt hat. Im letzten Beitrag habe ich erklärt, warum Zusammenhalt Konjunktur  hat. In diesem Beitrag geht es heute um die sozialen Netze.

 

Belastungstest für die sozialen Netze                                                                                                                     

Für mich als Soziologen bezeichnete „soziale Distanz“ bislang den Abstand, den Menschen aus unterschiedlichen Milieus zueinander einhalten bzw. sehen. Dieses Konzept von sozialer Distanz geht auf den Soziologen Robert E. Park zurück. Je größer die soziale Distanz in diesem Sinne, desto geringer ist das Gefühl, dass man einer gemeinsamen Gruppe angehört. In diesem Jahr habe ich ein neues Verständnis von sozialer Distanz kennengelernt: „Social Distancing“. Damit ist in der Coronakrise die Maßnahme gemeint, bei den physischen sozialen Kontakten Abstand zu halten, um Ansteckungen zu vermeiden (das CDC, in etwa das RKI Amerikas, spricht daher auch passender von „physical distancing“). Ganz im Gegenteil zum soziologischen Begriff nach Park geht mit dieser Distanz somit keine soziale Abgrenzung einher. Vielmehr geht es darum, das Kollektiv zu schützen. Epidemien und Pandemien sind „soziale Krankheiten“: Sie breiten sich durch soziale Kontakte aus und können außer durch Impfungen am besten durch Kontaktvermeidung bekämpft werden. Tatsächlich haben die Deutschen in den Monaten März bis Mai ihre Kontakte deutlich reduziert, wie u.a. die Mannheimer Corona Studie zeigt. Vor allem von Mitte März bis Mitte April gaben über die Hälfte der Befragten an – jenseits von Telefon und Internet – keine privaten Kontakte zu unterhalten (in der PDF auf S. 5). Damit stellte die Corona-Pandemie einen harten Belastungstest für die sozialen Beziehungen dar. Wie also umgehen mit einer Situation, in der Zusammenhalten Abstand halten bedeutet?

 

Worum geht es in der Dimension „soziale Netze“?

Unser Modell von gesellschaftlichem Zusammenhalt besteht aus neun Dimensionen, und die erste Dimension heißt „soziale Netze“. Für jede Dimension haben wir einen Leitsatz formuliert, der angibt, welche Zielvorstellung für den Zusammenhalt ihr zugrunde liegt. Bei den sozialen Netzen lautet dieser: „Die Menschen haben starke und belastbare soziale Netze“. Damit ist gemeint, dass in einer Gesellschaft mit starkem Zusammenhalt jeder über persönliche Beziehungen außerhalb des eigenen Haushalts und der eigenen Familie verfügt. Diese Beziehungen sollen aber nicht nur flüchtige Bekanntschaften sein, sondern stabile Verbindungen, auf die man sich – insbesondere in Notlagen – verlassen kann. In unseren Studien zum Zusammenhalt (hier z.B. aktuell mit Daten zu Baden-Württemberg) fragen wir unter anderem danach, wie groß der Freundes- und Bekanntenkreis ist und wie häufig man sich in der Regel trifft. Außerdem fragen wir, ob es außerhalb des eigenen Haushaltes Personen gibt, an die man sich in einer Notlage wenden kann oder ob es jemanden gibt, der einem in einem dringenden Fall 1.000 Euro leihen würde.

In unserer bundesweiten Studie 2017 hat etwa die Hälfte der Befragten angegeben, sich häufig oder sehr häufig mit Freunden zu treffen. Über 90 Prozent sagten, sie hätten jemanden, an den sie sich in einer Notlage wenden würden. Und über 70 Prozent waren sich sicher, dass es in ihrem Umfeld eine Person gibt, die ihnen auch finanziell aus der Patsche helfen würde. Insgesamt haben unsere Analysen in den letzten Jahren immer wieder gezeigt, dass die sozialen Netze im Durchschnitt in Deutschland stark geknüpft sind. Jedoch gibt es dabei Unterschiede zwischen Personengruppen. Anhand von aktuellen Daten aus Baden-Württemberg konnten wir zeigen, dass die sozialen Netze von chronisch Kranken, Alleinerziehenden, Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen mit geringem Einkommen schwächer ausgeprägt sind. Dies zeigte sich ebenso bei Menschen über 65 Jahren und bei Menschen, die in Großstädten leben.

 

In der Krise bewiesen sich die sozialen Netze als belastbar

Aufgrund unserer bisherigen Studien hat es mich nicht sonderlich überrascht, dass sich die sozialen Netze auch in der Krise überwiegend als stark und belastbar erwiesen haben. Überall konnte man sehen, wie schnell und unbürokratisch Hilfeleistungen organisiert wurden. Wer nicht selbst einkaufen gehen konnte, für den fanden sich schnell Freunde, Nachbarn oder Engagierte, die das übernahmen. Hier im Blog gibt es bereits einen ausführlichen Beitrag über Nachbarschaftshilfe, der zeigt, welche Potentiale darin liegen. Selbst wenn man sich aufgrund der Kontaktbeschränkungen nicht mehr treffen konnte, gab es zahlreiche Möglichkeiten, um dennoch im Austausch zu bleiben. Zum Beispiel wurde deutlich mehr telefoniert – wie die Telefonanbieter berichteten, wurden Telefonate während der Krise häufiger und länger. Aber nicht nur die reine Telefonie hat zugenommen, auch Messangerdienste und Videokonferenzen haben im Privatleben einen Boom erlebt. Viele haben die Zeit auch dafür genutzt, alte Beziehungen zu pflegen, gerade auch über größere räumliche Distanzen hinweg. Wir in der Stiftung haben selbst ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass in der Phase der stärksten Kontaktbeschränkungen geographische Distanz eher zu einer Nebensächlichkeit wurde (z.B. bei internationalen digitalen Netzwerktreffen).

 

Wo stehen die sozialen Netze unter Druck?

  • Psychische Belastung durch fehlenden Kontakt

Wenngleich es weitgehend gelungen ist, die Versorgung und die notwendigste Unterstützung über stabile soziale Netze zu gewährleisten, gibt es auch Anlass zur Sorge. Stabile soziale Beziehungen dienen ja nicht nur der bloßen Versorgung und dem Informationsaustausch. Menschen sind soziale Wesen und der Kontakt zu anderen, auch Berührungen, sind für das individuelle Wohlbefinden und die Gesundheit dringend notwendig. Gefühle von Einsamkeit und psychische Belastungen haben während der Krise vermutlich zugenommen. So ist die Zahl der Einpersonenhaushalte in Deutschland in den letzten Jahren deutlich angestiegen. Und wer allein lebt, ist umso mehr darauf angewiesen, Menschen außerhalb des eigenen Haushalts zu begegnen. Die Mannheimer Corona Studie zeigt, dass  Menschen, die allein leben, von den Kontaktbeschränkungen besonders hart getroffen werden, weil sie von ihren  privaten Kontakten ganz abgeschnitten sind (hier im PDF auf S. 15). Studien zu Kontaktbeschränkungen bei früheren Epidemien oder zu den Erfahrungen in China zeigen, dass unter diesen Bedingungen erhöhte psychische Belastungen auftreten und oft lange anhalten.

  • Wer am meisten Unterstützung braucht, hat die schwächsten Netzwerke

Schaut man sich die oben genannten Ergebnisse bezüglich der Ausprägung der sozialen Netze bei verschiedenen Personengruppen an, dann fällt auf, dass gerade jene Gruppen mit eher schwachen sozialen Netzen in der Krise tendenziell besonders auf die Unterstützung durch soziale Beziehungen angewiesen sind. Beispielsweise gilt dies für Personen mit chronischen Erkrankungen, Alleinerziehende oder Senioren. Wer also bereits vor der Krise (ohne Kontakteinschränkungen und zusätzliche Hindernisse) Schwierigkeiten hatte, belastbare soziale Netze zu knüpfen, könnte nun doppelt unter den Herausforderungen der Krise leiden.

  • Kontakte werden homogener

Die Homogenität bzw. Heterogenität der sozialen Beziehungen ist eigentlich Gegenstand einer anderen Dimension von Zusammenhalt („Akzeptanz von Diversität“). Ich greife somit hier zwar dem übernächsten Beitrag etwas vor, aber es passt meines Erachtens gut in diesen Zusammenhang. Wir neigen als Menschen dazu, unsere sozialen Kontakte nach Ähnlichkeit auszuwählen. Wir finden Menschen, die uns ähnlich sind, sympathischer. Um mit Menschen, die ganz anders sind als wir selbst, z.B. hinsichtlich Herkunft, Religion, politischer Überzeugung, Bildungsgrad oder Einkommen, in Kontakt zu treten, benötigen wir meist Anlässe oder bestimmte äußere Umstände. Die Begegnungsbox, über die wir hier im Blog schon berichtet haben, ist übrigens ein pfiffiger Versuch, solche Anlässe zu forcieren. In dem Moment, wo die Zufallsbegegnungen durch Social Distancing und Kontaktbeschränkungen wegfallen, bleiben nur noch die selbstgewählten und aktiv gesuchten Kontakte übrig. Die sind meist homogener. Für eine heterogene Gesellschaft wie die unsere kann das fatal sein, denn ohne den tatsächlichen Kontakt über den eigenen sozialen Tellerrand hinweg, können Vertrauen schwinden und Vorurteile wachsen.

 

Was bleibt?

Auch wenn die ersten Rückschläge zu verzeichnen sind (ich schreibe nur: Gütersloh!), die Kontaktbeschränkungen wurden inzwischen gelockert, und man muss abwarten, ob es zu einer zweiten Welle von Coronainfektionen kommt. Nach heutigem Stand können sich die meisten Menschen in Deutschland wieder privat mit anderen treffen. Auch an den meisten Arbeitsplätzen kehrt nach und nach wieder ein gewisses Maß an Normalität ein. Die Schulen sind in der Regel wieder geöffnet, und vermutlich kann  – mit gewissen Einschränkungen –  sogar die Sommerurlaubssaison 2020 stattfinden. Ob damit aber auch bezüglich der sozialen Netze alles wieder auf den Ausgangszustand vom Februar 2020 zurückgesetzt wird, bleibt erstmal offen. Naheliegend sind zumindest drei bleibende Effekte der Krise:

Mehr digitaler bzw. virtueller Kontakt auch über größere geographische Distanz:

Die sozialen Netze wurden in den letzten Jahren bereits „ortsloser“. Freundschaft und Bekanntschaft war weniger an das unmittelbare geographische Umfeld gebunden, sondern konnte auch über größere Distanz gelebt werden. Das hatte zum einen mit höherer Mobilität zu tun, zum anderen mit den verbesserten und günstigeren Kommunikationsmöglichkeiten (erinnert sich noch irgendwer an horrende Gebühren für Ferngespräche?). Dieser Trend hat durch die Krise einen weiteren Schub bekommen und wird sich fortsetzen.

Neue Formen von Nachbarschaftshilfe gewinnen an Bedeutung, insbesondere auch digitale lokale Netzwerke:

Die Krise hat gezeigt, was möglich ist, wenn man schnell Unterstützung leisten muss. Nachbarschaftsportale, digitale Schwarze Bretter oder andere Formen des Austausches und der Vernetzung werden wichtiger, weil die gewachsenen Nachbarschaften, in denen sowieso jeder jeden kennt, weniger werden. Zugleich steigt die Bereitschaft, solche Methoden zu nutzen.

Bedeutungsgewinn von Gemeinsinn:

Vielleicht bleibt aber auch die Erkenntnis zurück, dass jeder von uns in echten Notlagen darauf angewiesen sein könnte, im engeren lokalen Umfeld direkte und persönliche Hilfe zu erhalten. Und möglicherweise führt das dazu, dass man sich doch wieder etwas stärker dafür interessiert, wer nebenan wohnt. Man lernt ja erst etwas zu schätzen, wenn es einem fehlt. Vielleicht bleibt von der Krise und den Kontaktbeschränkungen am Ende ein etwas größerer Gemeinsinn über: genährt durch den Wunsch, stabile und belastbare Netzwerke zu haben.

 



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