Der Zusammenbruch der amerikanischen Gesellschaft

In diesem Gastbeitrag wirft Anthony Silberfeld, Director für Transatlantic Relations bei der Bertelsmann Foundation North America, kurz vor den  Präsidentschaftswahlen einen kritischen Blick auf den Zustand der amerikanischen Gesellschaft.  

Der Zusammenbruch der amerikanischen Gesellschaft

In einem Land, das Jahrzehnte lang über den Wert des menschlichen Lebens diskutiert hat, sind die USA nun scheinbar zu einem Schluss gekommen: Es ist wertlos. Der Tod von mehr als 200.000 Amerikaner:innen aufgrund von COVID-19 wurde von vielen mit einem kollektiven Schulterzucken hingenommen. Doch diese Ambivalenz gegenüber dem Tod so vieler unserer Landsleute ist nicht neu, und sie ist das Ergebnis einer fundamental zerbrochenen Gesellschaft. Viele Faktoren haben zu diesem Punkt geführt, aber dieser Text konzentriert sich auf drei davon – politische Entscheidungen, das Aufkommen der sozialen Medien und misslungenes Krisenmanagement – als die treibenden Kräfte, die hinter der Entmenschlichung Amerikas stehen. Was passiert mit einer Gemeinschaft, wenn ihre Mitglieder nur noch auf sich selbst schauen?

E pluribus unum? Wenn aus den Vielen nicht mehr Eins wird

Die Vereinigten Staaten betrachteten politisches Handeln einst als ein Instrument zur Lösung von Problemen, mit denen die Gesellschaft als Ganzes konfrontiert ist. Vom „New Deal“ Präsident Franklin Roosevelts, der jenen half, die unter der Great Depression am meisten gelitten hatten, bis hin zur „Great Society“ von Lyndon Johnson, die darauf abzielte, mit dem „Civil Rights Act“ (Gesetz über Bürgerrechte) und dem „Voting Rights Act“ (Wahlrechtsgesetz) der Diskriminierung ein Ende zu setzen, war es das primäre Ziel der Regierungen, dem Volk zu dienen. Jüngere Tendenzen weisen jedoch darauf hin, dass die Fortschritte, die von einigen Generationen zuvor erzielt wurden, weitgehend verloren sind. Heute verdienen die oberen 0,1 Prozent durchschnittlich 196-mal so viel wie die unteren 90 Prozent (www.inequality.org), wodurch ein Ungleichgewicht entsteht, wie man es seit den 1920er Jahren nicht mehr gesehen hat. Das ist kein Zufall, sondern vielmehr ein direktes Ergebnis politischer Entscheidungen, bei denen über Jahrzehnte hinweg die Interessen einzelner Gruppen über die Bedürfnisse der Durchschnittsbürger:innen gestellt wurden. Bei diesem Ungleichgewicht geht es nicht nur um Löhne; es geht auch um den Zugang zu Bildung, Wohnraum und Gesundheitsleistungen. Stichwort Gesundheitswesen: Rund 44 Millionen Amerikaner:innen sind nicht versichert, und weitere 38 Millionen sind unterversichert. Eine direkte Konsequenz aus einem Gesundheitssystem, in dem Gewinne mehr zählen als der Patient, ist die Tatsache, dass unbezahlte medizinische Rechnungen in 60 Prozent aller Privatinsolvenzen in den USA eine Rolle spielen. Und die immense Verschuldung der Amerikaner:innen hört nicht beim Gesundheitswesen auf. Der durchschnittliche Studierende des Jahrgangs 2018 trat nach dem Abschluss an einer öffentlichen amerikanischen Universität mit Schulden in Höhe von 29.000 USD ins Berufsleben ein . Ohne Gesundheit und Wohlstand wurde also der implizite Gesellschaftsvertrag zwischen dem amerikanischen Volk und seiner Regierung – der verankert ist im Versprechen von Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück – aufgekündigt. Wenn eine Gesellschaft zurückfällt in eine Mentalität des „jeder für sich“, zerbricht der Zusammenhalt der Gemeinschaft und mit ihm die grundlegenden Regeln des zivilen Umgangs miteinander.

Tête-à-Tête bei Twitter

Wenn die öffentliche Unzufriedenheit mit der Regierung einen bestimmten Punkt erreicht hat, sind früher Demonstranten auf die Straßen gegangen. Heute bieten Social-Media-Plattformen einen neuen Weg, Unmut und Protest zu äußern, diesmal aber im Schutze relativer Anonymität. Diese Anonymität dient oft jedoch nicht dem eigenen Schutz, sondern wird vielmehr missbraucht, um Andersdenkende anzugreifen. 255 Millionen Amerikaner:innen verbringen pro Tag 2 Stunden und 24 Minuten in den sozialen Medien und interagieren in dieser virtuellen Agora. Zusammengenommen mit einer unzureichenden digitalen Bildung, ließ uns dies einen Anstieg der Spaltung und Radikalisierung erleben, der mit dem Niedergang des zivilisierten Umgangs miteinander einherging. Es wäre leicht, die Schuld für diesen Verfall der grundlegenden Anstandsregeln dem derzeitigen US-Präsidenten in die Schuhe zu schieben, doch das wäre zu einfach. Die Wahrheit ist, dass versäumt wurde, das Internet und die sozialen Medien angemessen zu regulieren, sodass eine ideale Umgebung für verzerrte Informationen geschaffen wurde, in der konstruktive Auseinandersetzung unmöglich geworden ist. Mithilfe von Desinformationskampagnen, die gezielt dazu genutzt wurden, Emotionen anzuheizen und Chaos zu stiften, hat dieser Riss in der Gesellschaft überhaupt erst die Bedingungen geschaffen, in denen es für Donald Trump möglich wurde, Präsident zu werden. Manche sind der Meinung, dass Plattformen wie Twitter und Facebook eine Art Ventil sind, mit dem Menschen sich Luft verschaffen können, ohne dass der Unmut auf die Straße überschwappt. Doch wie wir in den vergangenen Monaten gelernt haben, können neue Krisen auftreten, die sich nicht auf unsere Computerbildschirme begrenzen lassen.

Ein Mangel an Anstand

Seit im März in den USA der Shutdown aufgrund des Ausbruchs von COVID-19 begann, sind zwei weitere Krisen hinzugekommen, die von der Regierung eine klare und kompetente Führung erfordert hätten; passiert ist jedoch nichts. Das Weiße Haus ignorierte die Alarmzeichen aus Europa, als das neuartige Coronavirus sich auf dem Kontinent ausbreitete, und wischte Warnungen der eigenen Wissenschaftler beiseite, während das Ausmaß der Pandemie weiter heruntergespielt wurde. In der Folge entwickelte sich im Land ein uneinheitliches Vorgehen gegen das Virus, bei dem getroffene Maßnahmen mehr von der politischen Orientierung als von ihrer Wirkung abhingen. In den von den Demokraten kontrollierten Landesteilen, wurden die Richtlinien des Centers for Disease Control und der örtlichen Gesundheitsämter befolgt, die Schließungen, Masken und Abstandsregelungen forderten. Die Republikaner hingegen begannen, das Tragen von Masken mit einem Verrat am „Trumpismus“ gleichzusetzen. Daher wurden in vielen Staaten, die von loyalen Republikanern geführt werden, die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus und zur Minimierung des Risikos seiner Ausbreitung frühzeitig gelockert – dort zahlen sie nun mit signifikant höheren COVID-19 Infektionswerten den Preis. Die Reaktion des Präsidenten auf den Tod der 200.000 Amerikaner:innen war: „Es ist, wie es ist.“ Dieselbe Gleichgültigkeit gegenüber menschlichem Leiden zeigte er auch im Rahmen der zweiten Krise des Sommers, die ausgelöst wurde durch die Ermordung von George Floyd durch einen Polizisten. Doch dies war kein Einzelfall. Allein in den ersten acht Monaten des Jahres 2020 tötete die Polizei 164 schwarze Männer und Frauen. Die Bilder von George Floyd, dem ein Polizist sein Knie in den Nacken drückte, waren der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Denn das Justizsystem in den USA ist bereits seit Generationen ein Pulverfass. Die Unfähigkeit der Regierung, anzuerkennen, dass „black lives matter“, bestätigt die verbreitete Ansicht, dass in den USA der Wert des Lebens von der Hautfarbe abhängt. Diese beiden Krisen haben den Keil tiefer zwischen die Amerikaner:innen auf beiden Seiten der politischen Lager getrieben, und es ist fraglich, ob dieser Graben je überbrückt werden kann.

Am Scheideweg

Die Amerikaner:innen romantisieren seit jeher die Idee des Schmelztiegels, in dem sämtliche Rassen, Religionen und Ethnien in Harmonie zusammenkommen. Tatsächlich war diese Vorstellung immer ehrgeizig, doch die USA scheinen heute weiter davon entfernt zu sein, dieses lobenswerte Ziel zu erreichen, als je zuvor. Der erste Schritt, um das Blatt zu wenden, besteht wie bei jedem Heilungsprozess darin, zuzugeben, dass es überhaupt ein Problem gibt. Der zweite Schritt ist die Neubewertung der nationalen Prioritäten. Republikaner und Demokraten sind gleichermaßen daran beteiligt, dass die Preisspirale im Gesundheits- und Bildungswesen außer Kontrolle geraten ist. Sie haben das Thema des strukturellen Rassismus nicht angemessen in Angriff genommen und es versäumt, die grundlegende Unterstützung für jene zu bieten, die sie am nötigsten brauchen. Der Tag der Wahl ist schon in Sichtweite, und das bedeutet: Wenn diejenigen, die an der Macht sind, sich der Veränderung verweigern, liegt es in der Hand der Wähler:innen, eine Führung zu wählen, die die Veränderung angeht. Die Wahlergebnisse werden das Schicksal der Nation bestimmen und anzeigen, ob die Zeichen für die Einwohner:innen auf Zusammenhalt stehen oder auf Konflikt.



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