Demokratie braucht Orte des Zusammenhalts

Unser demokratisches System steht unter Druck: von außen durch autoritäre Systeme, von innen durch völkisch-nationalistische Kräfte, die ein „alternatives“ Deutschland anstreben. Deutlich wird, dass die freiheitlich-demokratische Ordnung, die sich in unserem Land in der westlichen Hälfte seit 75 Jahren und in der östlichen Hälfte seit 35 Jahren bewährt hat, keine Selbstverständlichkeit ist – und nie war. „Der freiheitliche säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann,“ so das berühmte Diktum des Staatsrechtlers Böckenförde aus den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Auch wenn es keine Garantie gibt – es gibt sehr wohl Möglichkeiten, Demokratie und Freiheit im Zusammenspiel von zivilgesellschaftlichen, staatlichen und wirtschaftlichen Akteuren zu stärken und gegen die zu verteidigen, die sie nur für bestimmte Gruppen oder die eigene Ethnie wollen.

Nach außen geht dies über die Stärkung der EU und ihren engen Partnern (z.B. Kanada, der Schweiz und Norwegen), nach innen über die Stärkung der Kräfte, aus denen ein demokratisches Gemeinwesen lebt. Bildung spielt dabei eine zentrale Rolle, denn in Kitas und Schulen werden bei jungen Menschen Werte, Haltungen und Kompetenzen eingeübt, die für Demokratie überlebenswichtig sind: Empathie, Diskurs- und Konsensbereitschaft, Kooperations- und Engagementbereitschaft, Gemeinwohlorientierung und der Verzicht auf das Recht des Stärkeren. In den Bildungseinrichtungen werden Demokrat:innen gebildet, ohne die Demokratie nicht funktioniert.

Soziale Orte stärken Zusammenhalt durch Kontakt, Kommunikation und Kooperationen und festigen damit das demokratische Miteinander.

Aber nicht nur im Bildungswesen wird Demokratie gestärkt. Dazu leisten auch Vereine, Kirchen- und Religionsgemeinschaften, gemeinsame Assoziationen und Organisationen wichtige Beiträge.  Alle diese gesellschaftlichen Formen können als „Soziale Orte“ oder Orte des Zusammenhalts bezeichnet werden: Sie bringen Menschen in Kontakt, Kommunikation und Kooperation. An diesen Orten wächst Vertrauen, werden Dialoge geführt, nicht ohne Konflikte, aber in gegenseitiger Achtung und mit Bereitschaft zu Kompromissen. Nicht zuletzt sind diese Orte Labore für gemeinsames Engagement. Vertrauen, Dialog und Engagement: das verbindet Menschen und schafft Zusammenhalt.

Viele klassische und institutionalisierte Orte des Zusammenhalts verlieren allerdings an Bindekraft: Die Trends der Individualisierung und der Singularisierung stellen traditionelle Loyalitäten in Vereinen, Kirchen, Gewerkschaften oder Parteien in Frage. Messungen des sozialen Zusammenhalts zeigen zurückgehendes Vertrauen der Menschen untereinander und wachsendes Misstrauen in politische Institutionen (vgl. Gesellschaftlicher Zusammenhalt 2023 und  Verschwoerungsglaube_Februar2025_de.pdf). Umso wichtiger werden informelle, öffentliche „Dritte Orte“, die für Menschen unterschiedlicher Herkünfte und Milieus zugänglich sind. Wenn an diesen Orten – oft in Reaktion auf Verlusterfahrungen oder aufgrund dringender lokaler Bedarfe und Herausforderungen – Dynamiken entstehen, die in gemeinwohlorientierte Aktivitäten münden, entstehen „Soziale Orte“, die den lokalen Zusammenhalt stärken. Diese Orte haben viele Gesichter:

„Soziale Orte“ sind kostbare öffentliche Güter. Deshalb gilt es sie zu stärken. Kommunen wissen das und unterstützen, indem sie z.B. Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Auch lokale Unternehmen engagieren sich, denn Wirtschaft braucht eine lebendige Zivilgesellschaft, um zu florieren. In der Forschung über die Erfolgsfaktoren von Sozialen Orten (vgl. Das Soziale-Orte-Konzept – Georg-August-Universität Göttingen) wird die Bedeutung des Zusammenspiels von Zivilgesellschaft, Verwaltung und Wirtschaft für die Vitalität Sozialer Orte hervorgehoben.

Soziale Orte sind kostbare öffentliche Güter.

Auch die Länderebene kann eine Rolle spielen: So hat das Land Sachsen seit 2022 Förderprogramme für „Orte des Gemeinwesens“ aufgelegt mit dem Fokus auf ländliche Räume und benachteiligte Stadtteile (vgl. Projektübersicht der »Sozialen Orte« – Sächsisches Staatsministerium für Soziales, Gesundheit und Gesellschaftlichen Zusammenhalt – sachsen.de). Die neue Wertschätzung für lokale Orte des Zusammenhalts war vielleicht noch nie so wichtig wie heute.