Die Mär der rechten Jugend und der mittigen älteren Wählerschaft

Wie voreilige Wahlanalysen der Bundestagswahl 2025 ein Zerrbild der Realität zeichneten

Ältere Menschen sind das letzte verbliebene demokratische Bollwerk und Jüngere wählen zunehmend rechts? Wer am Abend des 23. Februar 2025 und in den Tagen darauf die Analysen zur Bundestagswahl verfolgte, konnte schnell diesen Eindruck gewinnen. Sie zeichneten das Bild, dass Ältere mehrheitlich den ehemaligen Volksparteien Union und SPD und Jüngere zu einem großen Teil der Linken und der AfD ihre Stimme gaben. Das Narrativ war also gesetzt: Deutschland rutscht nach rechts ab und jüngere Menschen tragen wesentlich dazu bei. Doch war das wirklich so?

Die offiziellen Daten des Wählervotums sprechen eine andere Sprache. Wenn man die Nachwahlbefragungen von ARD und Infratest dimap am Wahltag mit der amtlichen repräsentativen Wahlstatistik des Statistischen Bundesamts aus dem Juni 2025 vergleicht, offenbart sich ein Trugschluss im Hinblick auf das tatsächliche Wahlverhalten jüngerer und älterer Menschen. Die bisherige Erzählung von einer zum Rechtsruck beitragenden Jugend und einer älteren, demokratisch-mittigen Wählerschaft ist eine Mär.

Junge Menschen und die AfD in der amtlichen Wahlstatistik 2025

Faktisch gehören die beiden jüngsten Altersgruppen (18–24-Jährige und 25–34-Jährige) zu denjenigen, die nach den über 70-Jährigen am wenigsten die AfD wählten. Während sich die 18–24-Jährigen mit 19,0 Prozent sogar leicht unterdurchschnittlich für die AfD entschieden, lagen die 25–34-Jährigen mit 20,8 Prozent genau im bundesweiten Schnitt des AfD-Ergebnisses. Jüngere Menschen haben also nicht überdurchschnittlich AfD gewählt. Im Gegenteil, sie haben, wenn überhaupt, leicht unterdurchschnittlich AfD gewählt. Es stimmt zwar, dass die über 60-Jährigen die AfD „nur“ mit 16,0 Prozent gewählt haben, doch dieses Bild wird durch die Gruppe der über 70-Jährigen deutlich nach unten verzerrt. Während Menschen mit 70 Jahren und älter die AfD nur zu 11,5 Prozent wählten, lag der Wähleranteil der AfD bei den 60–69-Jährigen sogar bei 21,0 Prozent und somit höher als der bundesweite Durchschnitt. Die 60–69-Jährigen entschieden sich bundesweit nicht nur überdurchschnittlich häufig für die AfD, sondern auch zahlreicher als die beiden jüngsten Altersgruppen (siehe Abbildung 1).

ABBILUNG 1

Quelle: Die Bundeswahlleiterin, 2025, S. 16-17

Das Votum für die AfD ist dezidiert kein Prädikat von Jungsein. Insgesamt waren es vor allem Menschen mittleren Alters, bevorstehende Ruheständler sowie Früh- und Neurentner, die die AfD überdurchschnittlich häufig gewählt haben. Diese Schere zeigt sich überdies in noch deutlicherer Form bei der Vergabe der Erststimmen (Die Bundeswahlleiterin, 2025). Während bundesweit 20,6 Prozent der Wählenden der AfD die Erststimme gaben, wählten die beiden jüngsten Altersgruppen mit 18,4 Prozent (18–24-Jährige) und 20,3 Prozent (25–34-Jährige) unterdurchschnittlich oft Direktkandidierende der AfD. Dagegen verlieh die Alterskohorte 60–69 der AfD mit 21,1 Prozent überdurchschnittlich häufig die Erststimme.

Das in 2025 vorherrschende Muster deckt sich noch dazu überwiegend mit dem Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 2021 (siehe Abbildung 1). Damals wählten die beiden jüngsten Wählergruppen sowohl mit der Erst- als auch mit der Zweitstimme unterdurchschnittlich oft die AfD. Die 60–69-Jährigen hingegen entschieden sich auch 2021 jeweils überdurchschnittlich häufig für die AfD (Der Bundeswahlleiter, 2022). Statistisch gesehen gibt es also weder für 2025 noch für 2021 empirische Belege, dass die Jüngeren überproportional zum Wahlerfolg der AfD beigetragen hätten.

Die Fehlerhaftigkeit der Nachwahlbefragung

Die mediale Rezeption, die die Jüngeren mit einem plötzlichen Rechtsruck in Verbindung bringt, während es den Älteren weitgehende Immunität gegenüber rechtem Gedankengut bescheinigt, ist eine Chimäre und weist auf ein tieferliegendes Problem hin. Während die repräsentative Wahlstatistik auf den amtlichen Stimmzetteln und deren Informationen zu Alter und Geschlecht grundieren, basieren Wahltaganalysen auf vorläufigen Nachwahlbefragungen, die mit Aufnahme von Alter und Geschlecht zwar ebenfalls den Anspruch erheben, ein repräsentatives Bild der Gesamtwählerschaft zu zeichnen, aber diesem nur bedingt gerecht werden. Im Falle der ARD und Infratest dimap Nachwahlbefragung lag die Stichprobengröße bei über 83.000 Befragten in 560 repräsentativ ausgewählten Wahllokalen (Tagesschau und Infratest dimap, 2025b). Das würde für den von Infratest dimap auf 19,5 Prozent prognostizierten AfD-Anteil eine statistische Fehlergrenze von 0,77 Prozent für ein gängiges 95 Prozent Konfidenzniveau implizieren (AfD-Prognose zitiert nach Geißler, 2025). Letzteres gibt die Höhe des Vertrauens an, mit welcher der Vertrauensbereich rund um den Durchschnittswert einer Stichprobe auch den tatsächlichen Populationsdurchschnittswert enthält.

Das Konfidenzniveau kann auch eine Orientierungsgröße für Subgruppenmittelwerte sein, die eine geringere Stichprobengröße aufweisen. Im Falle der ARD und Infratest dimap Stichprobe ist auffällig, dass die AfD-Stimmenanteile der beiden jüngsten Altersgruppen jeweils überbewertet wurden, wohingegen die der mittelalten und älteren Alterskohorten entsprechend unterbewertet wurden (siehe Abbildung 2).

ABBILUNG 2

Quelle: Die Bundeswahlleiterin, 2025, S. 17; Tagesschau und Infratest dimap, 2025a

Für die Altersgruppe der 45–59-Jährigen weist deren Nachwahlbefragung einen AfD-Zuspruch von gerade einmal 22 Prozent aus, während sich faktisch aber 25,7 Prozent dieser Kohorte für die AfD entschieden. In der Altersgruppe 60–69 gibt die Exit-Poll einen AfD-Anteil von 19 Prozent an, obgleich das tatsächliche Votum bei 21,0 Prozent lag. Ähnlich verhält es sich mit der Gruppe 70 Jahre und älter, von denen laut Wählerbefragung 10 Prozent die AfD wählten, wohingegen es tatsächlich 11,5 Prozent waren (Tagesschau und Infratest dimap, 2025a).

Bei den Jüngeren zeigt sich demgegenüber ein umgekehrtes Bild. Konträr zu 21 Prozent der 18–24-Jährigen, die gegenüber Infratest dimap angaben, die AfD gewählt zu haben, waren es in Wirklichkeit nur 19,0 Prozent. Bei den 25–34-Jährigen ist die Kluft zwischen Nachwahlbefragung und amtlicher Wahlstatistik noch größer: Gemäß der Wählerbefragung wählten 24 Prozent in dieser Altersgruppe die AfD, während es faktisch nur 20,8 Prozent waren. Auch diese Diskrepanz liegt weit entfernt von der erwartbaren übergeordneten statistischen Fehlergrenze von 0,77 Prozent.

Drei mögliche Gründe für die gegenläufige AfD-Tendenz zwischen Jüngeren und Nichtjüngeren bei Wahl und Nachwahlbefragung

  1. Die Nachwahlbefragung war fehlerhaft gewichtet, sodass der tatsächliche AfD-Stimmenanteil bereits außerhalb des statistischen Fehlerbereichs der Stichprobe lag. Darunter litten die zugrundeliegenden AfD-Altersgruppenanteile in verschärfter Form.
  2. Die Auswahl der Stichprobe selbst war verzerrt und somit nicht repräsentativ.
  3. Psychologische Dynamiken wie soziale Erwünschtheit und Ungebundenheit waren ursächlich für die auffallende Divergenz zwischen Wahl und Nachwahlbefragung bei jüngeren und älteren Menschen.

Die ersten beiden Punkte würden die Kredibilität von Nachwahlbefragungen signifikant unterminieren. Wenn große Mediensender und Umfrageinstitute Mühe haben, bei der wichtigsten Wahl Deutschlands eine repräsentative Nachwahlbefragung durchzuführen und zu approximieren, dann darf nicht der Eindruck einer vorherrschenden Gesamtrepräsentativität suggeriert werden. Vielmehr sollten die sich aus den Ergebnissen der Nachwahlbefragung speisenden Analysen in Funk und Fernsehen mit noch größerer Behutsamkeit diskutiert werden.

Punkt 3 bezieht sich weniger auf die Durchführung der Befragung, sondern auf ein potenziell abweichendes Antwortschema unter den Altersgruppen selbst. Zum einen könnte es sein, dass jüngere Menschen bei der Nachwahlbefragung aus Zwanglosigkeit eine andere Antwort geben als an der Wahlurne. Das würde darauf hindeuten, dass junge Menschen bewusst zwischen einem entscheidenden Kreuz und einem nichtentscheidenden Kreuz unterscheiden. Es erklärt aber noch nicht, warum der AfD-Stimmenanteil mittlerer und älterer Altersgruppen in der Nachwahlbefragung chronisch unterschätzt wurde. Mutmaßlich greift hier das Phänomen der sozialen Erwünschtheit, indem mittelalte und ältere Menschen eine sozialkonforme Antwort bei einer Nachwahlbefragung bevorzugen. Womöglich hegen mittelalte und ältere Menschen weniger Vertrauen in die Anonymität der Nachwahlbefragung, während jüngere Menschen selbiger von vornherein weniger Beachtung beimessen. Wenn jüngere Menschen in geringerem Maße AfD wählen würden, als sie zugäben, dann würde dies das Missverhältnis zwischen medialer Rezeption und tatsächlicher Realität vergrößern und die Validität von Nachwahlbefragungen in Zweifel ziehen.

Junge Menschen als Zielscheibe multipler Krisen

In der heutigen Zeit werden jüngere Menschen gerne für vielfältige gesellschaftliche Missstände in Mithaftung genommen: Zum einen für den notleidenden Zustand der Wirtschaft, den sie durch ihre vermeintliche Unproduktivität und Faulheit beschleunigen würden. Zum anderen für den Verfall der Demokratie und die mangelnde Wehrhaftigkeit Deutschlands, die sie durch ihr Abdriften nach rechts und ihre eingeschränkte Verteidigungsbereitschaft verschlimmern würden. Die Tendenz, jüngere Menschen für gesamtgesellschaftliche Probleme zur Verantwortung zu ziehen, erscheint auch gerade deshalb grotesk, weil sie sowohl als soziodemografische Gruppe als auch als Wählergruppe immer kleiner werden. Das Medianalter der deutschen Wahlbevölkerung liegt mittlerweile bei über 55 Jahren.1 Bei der Bundestagswahl 2025 gab es bereits mehr als dreimal so viele Wahlberechtigte über 60 Jahre wie unter 30 (Statistisches Bundesamt, 2024). Dieser Trend wird sich in den nächsten Jahren noch weiter verschärfen. Statistisch und wahlpolitisch gesehen haben junge Menschen also kaum noch Einfluss auf die Gesellschaft und Demokratie in Deutschland. Trotzdem wird ihre minderheitliche Position nicht selten dazu genutzt, sie als Sündenbock zu identifizieren und zu exponieren.

Die mediale Mär der rechts blinkenden Jugend und der demokratisch-mittigen älteren Wählerschaft nach der Bundestagswahl 2025 entlarvt nicht nur einen sorglosen Umgang mit vorläufigen Nachwahlbefragungen, sondern könnte sich fortan auch zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung herausbilden. Wenn jüngere Menschen fälschlicherweise als Zugpferd eines gesamtgesellschaftlichen Rechtsrucks porträtiert werden, könnten diese fehlerhaften Narrative irgendwann selbst wahr werden, weil die medialen Klassifizierungen das Selbstverständnis und Verhalten einer Gruppe verändern. Der 2023 verstorbene kanadische Philosoph Ian Hacking (2006) hat in einer Vorlesung an der British Academy eindrücklich beschrieben: Neue Klassifizierungen interagieren mit den klassifizierten Personen und bringen damit neue Personen hervor.

Endnote

1 Diese Zahl beruht auf Berechnungen des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung.

 

Quellenangaben

DER BUNDESWAHLLEITER. 2022. Wahl zum 20. Deutschen Bundestag am 26. September 2021, Heft 4: Wahlbeteiligung und Stimmabgabe nach Geschlecht und Altersgruppen [Online]. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt. https://www.bundeswahlleiterin.de/dam/jcr/8ad0ca1f-a037-48f8-b9f4-b599dd380f02/btw21_heft4.pdf [Download 11.01.2026].

DIE BUNDESWAHLLEITERIN. 2025. Wahl zum 21. Deutschen Bundestag am 23. Februar 2025, Heft 4: Wahlbeteiligung und Stimmabgabe nach Geschlecht und Altersgruppen [Online]. Wiesbaden: Statistisches Bundesamt. https://www.bundeswahlleiterin.de/dam/jcr/63623bc5-20fc-449f-a032-7ecd508f04ad/btw25_heft4.pdf [Download 11.01.2026].

GEIßLER, H. 2025. Wahlforschung: Zweimal daneben und dennoch der bessere Exit-Poll [Online]. Marktforschung.de. https://www.marktforschung.de/marktforschung/a/zweimal-daneben-und-dennoch-der-bessere-exit-poll/ [Download 17.02.2026].

HACKING, I. 2006. Kinds of People: Moving Targets [Online]. British Academy Lecture. https://www.thebritishacademy.ac.uk/documents/2043/pba151p285.pdf [Download 11.01.2026].

STATISTISCHES BUNDESAMT. 2024. Bundestagswahl 2025: mindestens 59,2 Millionen Wahlberechtigte [Online]. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/12/PD24_460_14.html [Download 11.01.2026].

TAGESSCHAU & INFRATEST DIMAP. 2025a. Bundestagswahl 2025: Wen wählten Jüngere und Ältere? [Online]. https://www.tagesschau.de/wahl/archiv/2025-02-23-BT-DE/umfrage-alter.shtml [Download 11.01.2026].

TAGESSCHAU & INFRATEST DIMAP. 2025b. Bundestagwahl 2025: Hinweise zur Datengrundlage der Exit-Poll-Umfragen [Online]. https://www.tagesschau.de/wahl/archiv/2025-02-23-BT-DE/index.shtml [Download 11.01.2026].

 

Zum Autor: Christopher-David Preclik ist Promotionskandidat im Fach Politics and International Studies an der University of Cambridge und beschäftigt sich in seiner Dissertation mit dem politischen Status jüngerer Menschen in alternden Gesellschaften.