Daten zu gesellschaftlichem Zusammenhalt in Deutschland online verfügbar

Gesellschaftlichen Zusammenhalt selbst erforschen

Wer sich fragt „Was ist gesellschaftlicher Zusammenhalt eigentlich?“, „Wie kann man Zusammenhalt stärken?“ oder auch „Warum ist Zusammenhalt überhaupt wichtig?“ kann jetzt die Primärdaten unserer Umfragen herunterladen und selbst auswerten. Um welche Daten es hierbei genau geht und wie man an die Daten herankommt, erkläre ich in diesem Blog-Beitrag.

Ist der gesellschaftliche Zusammenhalt in Gefahr?

Gesellschaftlicher Zusammenhalt oder soziale Kohäsion, wie der Fachbegriff lautet, sind in den letzten Jahren in aller Munde. Als Frank Walter Steinmeier zum Bundespräsidenten gewählt wurde, hat er in seiner ersten Rede beispielsweise Folgendes gesagt:

Wir leben in stürmischen Zeiten. Viele in unserem Land sind verunsichert. Die Welt … scheint aus den Fugen. Aber viele fragen auch: Was ist eigentlich der Kitt, der unsere Gesellschaft im Kern zusammenhält.

So wie er, machen sich viele Menschen in Deutschland Sorgen darüber, dass die Gesellschaft auseinander bricht, Solidarität sowie Vertrauen schwinden und das gemeinschaftliche Miteinander schwieriger wird. Die Fragen, die sich dann aber stellen lauten: Sind diese Sorgen tatsächlich berechtigt? Ist der Zusammenhalt wirklich bedroht? Und wenn ja, was sind einerseits die Faktoren, die ihn schwächen und wie kann man andererseits den Zusammenhalt in Deutschland stärken?

Unsere Studien zeigen: Die Gesellschaft ist stabiler, als die meisten denken!

Bei der Bertelsmann Stiftung haben wir in den letzten Jahren mehrere empirische Studien durchgeführt, um die Qualität des gesellschaftlichen Zusammenhalts zu erfassen. Mit quantitativen Umfragen und qualitativen Fallstudien haben wir untersucht, wie es um das soziale Miteinander in den Städten in Deutschland bestellt ist, wie sich die Bundesländer unterscheiden und welche Entwicklungen es im Zeitverlauf gibt (z.B. hier). Unsere Daten zeigen, der Zusammenhalt in Deutschland ist besser als sein Ruf. Im Video sind die wichtigsten Ergebnisse unserer Analysen zusammengefasst. Jetzt hat jede Forscherin und jeder Forscher aber selbst die Möglichkeit zu untersuchen, wie es um die Gesellschaft aktuell bestellt ist.

Welche Fragen haben wir gestellt und was ist in den Daten enthalten?

In den Umfragen haben wir die Menschen anhand unseres Konzepts von Zusammenhalt befragt. Es besteht aus neun Dimensionen, die zu drei Bereichen gruppiert sind. Der erste Bereich umfasst die sozialen Beziehungen. Hierzu gehören Fragen zur sozialen Vernetzung, dem generalisierten Vertrauen in Mitmenschen und der Akzeptanz von Diversität. Die Verbundenheit mit dem Gemeinwesen stellt den zweiten Bereich dar. Fragen zur Identifikation, zum Vertrauen in Institutionen (Parlament, Parteien usw.) und zum Gerechtigkeitsempfinden sind hier enthalten. Der dritte Bereich besteht aus Fragen zu Solidarität und Hilfsbereitschaft (z.B. Spenden), zur Akzeptanz sozialer Regeln und zur politischen bzw. gesellschaftlichen Teilhabe. Die Abbildung zeigt die neun Dimensionen und die drei Bereiche. Darüber hinaus sind weitere Themengebiete in den Daten enthalten, wie z.B. Werthaltungen (auf der Basis des Modells von Shalom Schwartz), Einstellungen zur Demokratie oder zur sozialen Lage. Die vollständigen Fragebögen finden Sie auch, wenn Sie unten auf die Links klicken.

Neun Dimensionen von gesellschaftlichem Zusammenhalt: Soziale Netze, Vertrauen in Mitmenschen, Akzeptanz von Diversität, Identifikation, Vertrauen in Institutionen, Gerechtigkeitsempfinden, Solidarität und Hilfsbereitschaft, Anerkennung sozialer Regeln, gesellschaftliche Teilhabe
Unser Konzept von gesellschaftlichem Zusammenhalt

Wen haben wir befragt?

Im Jahr 2016 haben wir rund 2.600 Menschen in Bremen (ohne Bremerhaven) zum Zusammenhalt in ihren jeweiligen Ortsteilen befragt. Im Jahr darauf wurden von uns über 5.000 Personen in ganz Deutschland quantitativ befragt. Es war jeweils die Wohnbevölkerung ab 16 Jahre. Die Befragung erfolgte telefonisch (CATI). Unsere Auswertungen hierzu sind bereits veröffentlicht und können kostenlos auf unserer Website heruntergeladen werden. Jetzt haben wir zusätzlich die Originaldaten bei GESIS, archivieren lassen. Somit stehen diese Umfragedaten allen Forscherinnen und Forschern für wissenschaftliche Zwecke zur Verfügung.

Daten zum Zusammenhalt abrufen und für eigene Forschung nutzen

Auf der Website der GESIS kann man nun die Daten entweder als SPSS oder als Stata Datensatz anfordern und anschließend herunterladen. Ebenso sind die Fragebögen, Methodenberichte und weitere Dokumente dort hinterlegt. Der Datenzugang muss zwar beantragt werden, aber das geht ganz einfach. Einzige Voraussetzung ist, dass man sich verpflichtet, die Daten nur für die wissenschaftliche Forschung und Lehre zu verwenden. Darüber hinaus verlangt GESIS für die Nutzung des Archivs eine kleine Aufwandsentschädigung. Somit können nun andere Forscherinnen und Forscher die Daten für Sekundäranalysen nutzen.

Zu welchen Ergebnissen und Interpretationen kommt Ihr?

Große Umfragen bleiben meist „unterausgewertet“, d.h. viele Analysen und Auswertungen, die mit den Daten möglich wären, werden nicht gemacht. Deshalb ist es meist ein großer Gewinn, wenn andere Forscherinnen und Forscher die Daten für eigene Fragestellungen nutzen, sei es für Bachelor-, Master- oder Doktorarbeiten oder für andere Forschungsprojekte. Beispielsweise haben Forscher der Uni Chemnitz und der Uni Erlangen unseren Datensatz bereits für eine Studie zur politischen Unterstützung verwendet (hier findet Ihr diese Studie). Wir interessieren uns natürlich sehr, zu welchen Ergebnissen Sie in Ihren eigenen Untersuchungen mit unseren Daten kommen. Wer möchte, kann uns gern über die Resultate und ggf. daraus entstandene Publikationen informieren.

Hier können die Materialien zu den beiden Studien direkt angefordert werden:

Deutschland 2017: https://search.gesis.org/research_data/ZA7486

Bremen 2016: https://search.gesis.org/research_data/ZA7485

Wir sind aktuell dabei, weitere Forschungsdaten für die Archivierung aufzubereiten und werden diese in Kürze bereitstellen.



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