Zusammenhalt in Zeiten der Krise – Ein Blick nach Asien

Corona-Krise und gesellschaftlicher Zusammenhalt in Asien

Für die Frage nach den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Bedeutung sozialer Kohäsion für die Krisenbewältigung lohnt ein Blick über den deutschen und europäischen Tellerrand nach Asien. Denn hier finden sich einige sehr erfolgreiche Beispiele für den Umgang mit der Krise.

Ich habe in den vergangenen Jahren in verschiedenen Projekten der Bertelsmann Stiftung den sozialen Zusammenhalt in Asien untersucht. Grundlage hierfür war das Konzept des „Radars gesellschaftlicher Zusammenhalt“, mit den neun Dimensionen: Soziale Netze, Vertrauen, Akzeptanz von Vielfalt, Identifikation, Institutionenvertrauen, Gerechtigkeitsempfinden, Solidarität und Hilfsbereitschaft, Anerkennung sozialer Regeln und gesellschaftliche Teilhalbe.

Vor dem Hintergrund der aktuellen Corona-Krise stellen sich für mich derzeit zwei zentrale Fragen: 1) Welche Auswirkungen hat die COVID-19-Pandemie auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Asien? 2) Welche Rolle spielt sozialer Zusammenhalt bei der Bewältigung der Krise?

 

Auch in Asien ist die Corona-Pandemie noch nicht überstanden

Vorab ein Caveat: Natürlich ist es noch viel zu früh, um die Auswirkungen der Corona-Pandemie in ihrem ganzen Ausmaß für die betroffenen Länder absehen und den Erfolg der getroffenen Maßnahmen beurteilen zu können. Zum einen ist die Pandemie auch in Asien noch nicht überstanden. Vielerorts wird bereits eine zweite Welle von Infektionen befürchtet. Zum anderen fehlt es an aussagekräftigen und vergleichbaren Daten, die genaue Analysen zu den Auswirkungen von COVID-19 auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt erlauben würden.

Auch ich kann deshalb nur einige erste, allgemeine und vorläufige Überlegungen zu dieser Frage anstellen, die dazu beitragen sollen, die Diskussion hierzu weiter voranzubringen. Meine Überlegungen wurden dabei maßgeblich beeinflusst durch eine neue Publikation zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in Asien, die wir vor kurzem veröffentlicht haben. Darin präsentiert Aurel Croissant die Ergebnisse einer von der Bertelsmann Stiftung initiierten Studie zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in acht asiatischen Ländern: China, Singapur, Südkorea, Bangladesch, Indien, Sri Lanka, Indonesien und Myanmar. Er geht dabei auch auf die Auswirkungen der Corona-Pandemie ein und stellt einige erste Überlegungen zur Rolle des sozialen Zusammenhalts für die Widerstandsfähigkeit von Gesellschaften und die Handlungsfähigkeit von Staaten in der aktuellen Corona-Pandemie an.

 

Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Asien

Wie in anderen Teilen der Welt sind die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf das wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Leben in Asien gewaltig und teilweise verheerend. Sowohl die Krankheit selbst als auch die zu ihrer Eindämmung getroffenen Maßnahmen greifen überall tief in das Gefüge der Gesellschaft ein. Dabei treten die strukturellen Defizite einzelner Gesellschaften stärker denn je zutage.

 

COVID-19 verschärft die soziale Ungleichheit in Asien

Vor allem in den weniger entwickelten Gesellschaften Südasiens, die zumeist ein geringeres Maß an Zusammenhalt aufweisen, sind die Gesundheitssysteme dramatisch unterfinanziert und schlecht ausgestattet. Zudem droht COVID-19, hier die Fortschritte der letzten Jahre im Bereich der Armutsbekämpfung zunichte zu machen. Die wirtschaftlichen Schäden der Pandemie werden Armut und soziale Ungleichheit vergrößern und vermutlich eine Reihe bestehender Konflikte zusätzlich verschärfen.

Dabei trifft das Corona-Virus ärmere Bevölkerungsgruppen am härtesten. Denn sie sind auch die verwundbarsten. Ein Beispiel hierfür sind die Wanderarbeiter in Indien, die durch den plötzlich angeordneten Shutdown am 24. März quasi über Nacht ihre Arbeit und ihre Bleibe verloren. Ohne Geld und Arbeit zogen Millionen von ihnen zu Fuß zurück in ihre Heimatdörfer. Ähnlich wie in Indien dürfte die COVID-19 Pandemie die soziale Ungleichheit in vielen asiatischen Ländern, insbesondere in Süd- und Südostasien noch weiter verschärfen.

 

Die Corona-Pandemie verstärkt bestehende autoritäre und populistische Tendenzen in einzelnen asiatischen Ländern

Krisen sind die Zeit der Exekutive. Gleichzeitig verstärken und beschleunigen sie bereits bestehende Entwicklungen. Das gilt für die Corona-Krise in besonderem Maße. Auch in Asien war bzw. ist ein durchgreifendes Krisenmanagement der Regierungen gegen Infektionsrisiken und den wirtschaftlichen Niedergang das Gebot der Stunde. Dabei greifen die Maßnahmen nahezu überall massiv in den Alltag der Menschen und ihre Rechte ein.

Autoritären und populistischen Regimen bietet sich damit die Möglichkeit, ihre Machtbefugnisse und Überwachungsinstrumente weiter auszubauen und im Namen der Pandemiebekämpfung regierungskritische Stimmen und Medien noch schärfer zu kontrollieren.

So hat etwa Chinas politische Führung, nachdem sie es versäumt hatte, frühzeitig entschiedene Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19 zu ergreifen, die Pandemie später durch den Einsatz der vollen Macht eines hochgradig autoritären Regimes bekämpft: Unterdrückung von Informationen über die Verbreitung des Virus, strenge Einschränkungen der Bewegungsfreiheit verbunden mit einem hohen Maß an sozialer Kontrolle und staatlicher Überwachung.

Die Pandemie stellt eine beispiellose Belastung für den Zusammenhalt asiatischer Gesellschaften dar.

Darüber hinaus trifft COVID-19 viele asiatische Gesellschaften, die bereits unter einem hohen Maß an politischer Polarisierung und Konflikten leiden. Die Pandemie verschärft diese bereits bestehenden Trends. Aus diesem Grund ist zu erwarten, dass sich die autoritären und populistischen Tendenzen in Ländern wie Bangladesch, Indien, und Sri Lanka und anderswo weiter verstärken werden.

Die COVID-19-Pandemie stellt mithin eine beispiellose Belastung für den Zusammenhalt asiatischer Gesellschaften dar. Zugleich ist dieser aber auch eine wichtige Ressource bei der Bewältigung der Pandemie und ihrer Folgen. Denn diese hängt in hohem Maße vom Vertrauen der Menschen in die getroffenen Maßnahmen sowie ihrer Mitwirkung bei deren Umsetzung ab.

 

Sozialer Zusammenhalt als Ressource bei der Bewältigung der Corona-Pandemie in Ostasien

Südkorea, Taiwan, Singapur und Hongkong als Avantgarde im Kampf gegen COVID-19

Anders als in Europa haben einige Gesellschaften in Ostasien die Corona-Pandemie relativ schnell in den Griff bekommen, ohne das soziale Leben total einzufrieren. Am erfolgreichsten waren hierbei bislang Südkorea, Taiwan, Singapur und Hongkong – trotz ihrer Nähe und den zahlreichen Verbindungen zu China, dem Ursprungsland der Pandemie.

Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Entscheidend war in meinen Augen, dass man dort auf Erfahrungen aus früheren Epidemien mit verwandten Corona-Viren (SARS 2002/2003 und MERS 2015) zurückgreifen konnte. Die Verantwortlichen, aber auch die Bevölkerung, wusste, wie wichtig es ist, die Ausbreitung eines neuartigen Virus so früh wie möglich zu bekämpfen. Und sie kannten auch die hierfür erforderlichen Maßnahmen: eine umfassende Nachverfolgung der Infektionsketten, massenhafte Tests, eine strikte Isolierung der Infizierten sowie Schutz- und Kontrollmaßnahmen, wie etwa das Tragen von Schutzmasken im öffentlichen Raum.

 

Gesellschaftlicher Zusammenhalt als Faktor bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie

Die Effektivität der getroffen Maßnahmen hing dabei in hohem Maße von ihrer Akzeptanz in der Bevölkerung ab. Aus diesem Grund bin ich der Auffassung, dass auch der hohe Grad des gesellschaftlichen Zusammenhalts in Südkorea, Taiwan, Singapur und Hongkong eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie gespielt hat (bzw. weiterhin spielt). Alle vier Gesellschaften gehören zu einem Kohäsionscluster, das in der einschlägigen Studie des Radars gesellschaftlicher Zusammenhalt als Sinosphäre bezeichnet wird. Zu dieser Gruppe gehören außer den bereits genannten Gesellschaften auch noch Japan und China. Sie umfasst mithin jene ostasiatischen Länder und Territorien, die im Verlauf der Jahrhunderte durch die chinesische Kultur geprägt wurden.

Diese Gesellschaften sind die wirtschaftlich am höchsten entwickelten in Asien und alle durch einen hohen Grad an Zusammenhalt gekennzeichnet. Zentrale Merkmale sind dabei starke soziale Netze, sehr hohes Vertrauen in die Mitmenschen und eine sehr hohe Akzeptanz von Diversität. Außerdem erzielen die Länder dieser Gruppe sehr hohe Werte beim Gerechtigkeitsempfinden und der Anerkennung sozialer Regeln.

Dieser Befund verdeutlicht, dass wirksame Strategien zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie dort eher möglich und erfolgreicher sind, wo der soziale Zusammenhalt bereits zuvor stärker war. Kohäsivere Gesellschaften in Ostasien zeigen eine schnellere und energischere Reaktion von Regierungen und Behörden sowie eine höhere Bereitschaft ihrer Bürgerinnen und Bürger, die getroffenen Maßnahmen mitzutragen und Eingriffe in die individuelle Freiheitssphäre zugunsten des Gemeinwohls zu akzeptieren. Sie erweisen sich in der aktuellen Krise damit als resilienter als Gesellschaften mit schwächerem Zusammenhalt.

 

Sozialer Zusammenhalt stärkt die Handlungsfähigkeit von Staaten und die Resilienz von Gesellschaften

Die Beispiele der genannten ostasiatischen Gesellschaften unterstreichen die große Bedeutung von sozialem Zusammenhalt für die Bewältigung der Corona-Pandemie und ihrer Folgen. „Gerade auch im Hinblick auf die Handlungsfähigkeit von Staaten und die Resilienz von Gesellschaften gegenüber den sozialen, politischen, ökonomischen und psychologischen Folgen und Nebenwirkungen der Corona-Krise ist sozialer Zusammenhalt ein wichtiger Faktor“, wie Aurel Croissant in der bereits eingangs erwähnten Studie argumentiert.

Auch wenn es für ein abschließendes Urteil, wie bereits gesagt, noch viel zu früh ist, spricht in meinen Augen deshalb einiges für die Vermutung, dass Gesellschaften mit einem starken Zusammenhalt die COVID-19-Pandemie und ihre Folgen besser bewältigen werden als solche mit geringerer Kohäsion – in Asien und anderswo.

 



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