Solidarität trotz Krise: COVID-19 und die Unterstützung der Bevölkerung für Entwicklungszusammenarbeit

Der Ausbruch der Corona-Pandemie im Winter 2020 hat alle Staaten vor große Herausforderungen gestellt. Neben dem anfangs unkalkulierbaren gesundheitlichen Risiko, das von COVID-19 ausging, waren und sind viele Menschen auch wirtschaftlich – beispielsweise durch Verlust des Arbeitsplatzes oder Kurzarbeit – stark von der Pandemie betroffen.

Schon zu Beginn der Pandemie wurde aber auch klar, dass internationale Solidarität und Zusammenarbeit erforderlich sein werden, um die Pandemie zu bewältigen: Nur mit gemeinschaftlichen Anstrengungen ließen sich schnell Impfstoffe entwickeln, die negativen wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie begrenzen, Lieferketten stabilisieren und besonders wirtschaftlich schwächere Länder bei der Bekämpfung der Pandemie unterstützen.

Internationale Solidarität und Zusammenarbeit erforderlich – Pandemie stellt entwicklungspolitische Akteure vor große Herausforderungen

Die hohe individuelle Betroffenheit einerseits und der gleichzeitig hohe Bedarf nach Solidarität andererseits stellt eine Herausforderung für entwicklungspolitische Akteure dar. Auf der einen Seite ist es nachvollziehbar, dass wirtschaftlich stark von der Pandemie betroffene Menschen in Deutschland das Gefühl haben, dass Deutschland seine finanziellen Mittel eher zur Unterstützung der eigenen Wirtschaft einsetzen sollte. Zum anderen brauchen wirtschaftlich schwächere Länder finanzielle Unterstützung.

Auch die aktuelle Situation, in der die Impfkampagnen in vielen Ländern des Globalen Nordens schon weit vorangeschritten sind und gleichzeitig in den meisten Ländern des Globalen Südens noch am Anfang stehen, stellt globale Solidarität auf die Probe. Einerseits ist unklar, wie viel Impfstoff beispielsweise in Deutschland noch benötigt wird, anderseits sind die Impfstoff-Bedarfe in vielen Ländern des Globalen Südens sehr hoch.

Vor dem Hintergrund dieser Situation hat sich der Meinungsmonitor Entwicklungspolitik in verschiedenen bevölkerungsrepräsentativen Befragungen zwischen April 2020 und November 2021 mit der Frage beschäftigt, inwieweit die Bevölkerung Deutschlands entwicklungspolitische Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie in Ländern des Globalen Südens unterstützt. In anderen Worten: zeigt die Bevölkerung sich international solidarisch?

Hohe Solidarität trotz individueller Betroffenheit

Die Unterstützung der Bevölkerung für entwicklungspolitische Maßnahmen zur Unterstützung von Ländern des Globalen Südens während der Corona-Pandemie ist auf einem konstant hohen Niveau. In jeder der vier Befragungen stimmten rund 45 Prozent der Befragten der Aussage „Deutschland sollte Entwicklungsländer verstärkt mit Geld und Know-how unterstützen, um die Corona-Situation und ihre Folgen zu bewältigen“ zu (siehe Abbildung 1, linkes Diagramm). Diese Ergebnisse verdeutlichen das hohe und vor allem stabile Maß an Solidarität über die verschiedenen Phasen der Pandemie.

Besonders interessant ist, dass die eigene Risikoeinschätzung durch eine Corona-Infektion in einem positiven Zusammenhang mit Unterstützung für entwicklungspolitische Maßnahmen steht. Personen, die sich stärker über die gesundheitlichen Konsequenzen des Virus sorgen, unterstützen global solidarisches Handeln stärker. Für wirtschaftliche Sorgen ließen sich hingegen weder positive noch negative Zusammenhänge mit der Unterstützung solcher Maßnahmen feststellen.

Abbildung 1. Unterstützung von entwicklungspolitischen Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie

Quelle: Eigene Darstellung entnommen aus Eger et al., 2022. Datenbasis: eigene DEval-Erhebung durch das Marktforschungsinstitut Respondi (Nov. 2021, N ≈ 1.000) sowie Erhebungen des COVID-19 Snapshot Monitoring (COSMO; 04.2020-06.2020; N jeweils ≈ 1.000; siehe Schneider et al. 2020). Die rechte Abbildung bezieht sich auf die Erhebung im November 2021. Alle dargestellten Aussagen wurden mit einer siebenstufigen Antwortskala von 1 „stimme überhaupt nicht zu“ bis 7 „stimme voll und ganz zu“ abgefragt. Zur besseren Veranschaulichung wurden die Antwortkategorien 1 bis 3 zu „stimme nicht zu“ und die Kategorien 5 bis 7 zu „stimme zu“ zusammengefasst. Die Kategorie 4 entspricht der Skalenmitte.

Zudem haben die Bürger*innen auch eine klare Meinung dazu, welche Maßnahmen in den Partnerländern unterstützt werden sollten. Maßnahmen, die darauf abzielen, die Gesundheitssysteme in Ländern des Globalen Südens zu stärken und die Nahrungsmittelversorgung sicherzustellen, werden durchgängig mit rund 50 Prozent am häufigsten unterstützt (Abbildung 1, rechtes Diagramm). Ein ähnlicher Anteil befürwortet auch eine intensivere Zusammenarbeit mit internationalen Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation WHO und der EU, um die Pandemie zu bewältigen. Skeptisch ist die Bevölkerung gegenüber einem Erlass von Schulden. Nur rund 26 Prozent der Befragten stimmen einem Schuldenerlass für die ärmsten Länder aufgrund der Corona-Situation zu.

Politisches Handeln als Orientierungspunkt für die Bevölkerung – eine hohe Abgabe von Impfstoffen wird unterstützt

Auch einer Abgabe von Impfstoffen steht die Bevölkerung positiv gegenüber. Im Schnitt sollte Deutschland aus Sicht der Bevölkerung rund 32 Prozent seiner Impfstoffe an Länder des Globalen Südens abgeben – deutlich mehr als der geschätzte tatsächliche bisherige Abgabeanteil von etwa 14 Prozent.[i] Dies geht mit der Wahrnehmung einher, dass die globale Impfstoffverteilung ungleich und vor allem unfair sei.

Interessanterweise fällt die befürwortete Abgabemenge umso höher aus, je höher die kommunizierten abgegebenen Impfstoffmengen der Bundesregierung sind. In einem Experiment lasen vier Gruppen jeweils die Information, dass Deutschland 5, 15, 30 oder 50 Prozent der eigenen Impfstoffe abgeben würde. Eine Kontrollgruppe erhielt keine Information zur Abgabemenge. Wenn die Befragten keine Information über die Impfstoffabgabe der Bundesregierung erhalten, sprechen sie sich im Schnitt dafür aus, dass die Bundesregierung 33 Prozent ihrer Impfstoffmengen abgeben sollte (Abbildung 2). Wenn allerdings kommuniziert wurde, wie viel Impfstoff Deutschland (angeblich) abgibt, orientieren sich die Befragten an dieser Angabe und weichen vom Ergebnis der Kontrollgruppe ab. Während die Befragten, denen eine tatsächliche Abgabe von 5 Prozent der deutschen Impfstoffmenge kommuniziert wurde, im Durchschnitt eine Abgabe von 22 Prozent der Impfstoffe befürworten, sind es in der Gruppe, die von einer Abgabe von 50 Prozent der Impfstoffe ausgeht, im Schnitt 41 Prozent.

Dies deutet auf einen Anker-Effekt hin: Menschen orientieren sich bei Entscheidungen stark an vorhandenen Vergleichsinformationen, also u.a. dem wahrgenommenen Status Quo des politischen Handelns.

Abbildung 2. Wahrnehmungen und Einstellungen zur Verteilung von COVID-19-Impfstoffen

Quelle: Eigene Darstellung entnommen aus Eger et al., 2022. Datenbasis: eigene DEval-Erhebung durch das Marktforschungsinstitut Respondi (Nov. 2021; N ≈ 1.000).

Stabile Unterstützung für entwicklungspolitische Maßnahmen – politische Entscheidungen dienen als „Anker“ für Einstellungen der Bürger*innen

Die Ergebnisse der vier Befragungen zeigen, dass die Unterstützung für entwicklungspolitische Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie in der Bevölkerung Deutschlands auf einem stabil hohen Niveau ist. Für die Annahme, dass besonders von der Pandemie betroffene Personen weniger solidarisch sind, findet sich keine Bestätigung. Das Gegenteil ist der Fall. Allerdings beschränkt sich die Solidarität auf einen eher engen Raum der „Hilfsleistung“. Das zeigt sich auch an den Sektoren (Gesundheit, Ernährung). Weniger spezifisch angelegte Maßnahmen wie der Erlass von Schulden finden eine geringere Unterstützung.

Einen möglichen Feedback-Mechanismus in der Dynamik zwischen politischem Handeln und Einstellungen der Bevölkerung konnten wir mit Blick auf die Impfstoff-Abgabe nachweisen. So zeigt sich, dass solidarisches Handeln der Bundesregierung potenziell auch dazu führen kann, dass die Bevölkerung kommunizierte Abgabemengen als „Anker“ nutzt und entsprechende Solidarität in Form höherer Impfstoff-Abgabe – höher als die tatsächlich abgegebene Impfstoffmenge – stärker unterstützt.

[1] Berechnung: In Deutschland wurden bisher rund 110 Millionen Impfdosen verimpft (https://impfdashboard.de/). Etwa 17,6 Millionen Impfdosen wurden entweder bilateral oder über die Initiative COVAX für Länder des Globalen Südens bereitgestellt, https://www.zdf.de/nachrichten/politik/corona-vakzine-deutschland-spenden-100.html (abgerufen am 26.11.2021).