Arbeitsplatz Bundestag: Auch Quereinstieg braucht gute Strukturen
Warum bessere Arbeitsbedingungen zentral sind – auch für Politik-Neulinge
Die Sehnsucht nach neuen Gesichtern in der Politik ist vermutlich so alt wie die demokratische Herrschaft selbst: Die Athener bauten personelle Erneuerung bereits durch eine begrenzte Amtszeit vorausschauend ins System ein, gut 2.500 Jahre später dominieren nicht selten Wünsche nach neuen Gesichtern, frischem Wind oder unverbrauchten Köpfen den politischen Diskurs. Insbesondere dann, wenn unter den politischen Protagonisten der nächste Streit ausgebrochen ist oder die Prozentbalken nach einer Wahl nicht so hoch wachsen wie erwartet, mehren sich die Rufe nach neuen Heilsbringer:innen, die die jeweilige Fraktion oder gar die ganze Regierung wieder in die richtige Bahn lenken sollen.
Dieser Befund, die Sehnsucht nach neuem politischem Personal – im besten Fall „von außen“ –, lässt sich um eine weitere Beobachtung erweitern: Die aktuellen Mandatsträger im Bundestag, so scheint es, kommen in der Beurteilung in der Regel deutlich schlechter weg als ihre herbeigesehnten Ersatzspieler. Das Klischee eines bequemen Abgeordnetendaseins mit komfortablen Arbeitsbedingungen ist weit verbreitet, die parlamentarische Arbeit wird in der öffentlichen Wahrnehmung häufig mit sichtbaren Privilegien assoziiert: hohe Diäten, Dienstwagen, Pensionsanspruch. Deutlich seltener wird über die Schattenseiten am Arbeitsplatz Bundestag gesprochen: die nächtlichen Sitzungen, hohes Reiseaufkommen und die schwierige Familienvereinbarkeit. Diese kurze – und zugegeben bisher ziemlich anekdotische – Bestandsaufnahme zeichnet das Bild einer Bevölkerung, die sich dringend neues politisches Personal wünscht und die aktuellen Arbeitsbedingungen von Bundestagsabgeordneten gleichzeitig als (zu) komfortabel einschätzt.
Doch wie viel ist dran an dieser wahrgenommenen Stimmung? Ob sich Bürgerinnen und Bürger neue Gesichter oder sogar völlige Politik-Quereinsteiger:innen wünschen und wie sie auf die Arbeitsbedingungen im Parlament blicken, wird selten systematisch erfasst. Da konkrete Evidenz zur Sicht von Bürger:innen auf Quereinstieg in die Politik bislang fehlt, wollten wir mit unserer aktuellen Bevölkerungsumfrage herausfinden: Welche Veränderungen wünschen sich die Bürgerinnen und Bürger in der Berufspolitik? Dabei haben wir auch ganz konkrete Ansätze zur Verbesserung abgefragt: Verspricht sich tatsächlich eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland eine bessere Eignung des politischen Personals durch mehr Quereinstieg in die Politik? Wie werden die aktuellen Arbeitsbedingungen bewertet – und in welchen Zusammenhang stehen diese beiden Faktoren?
Komfortable Arbeitsbedingungen, aber Verbesserungsbedarf beim Personal?
Ganz konkret haben wir gefragt, ob sich Befragte erstens mehr Förderung von Quereinsteiger:innen aus anderen Berufen in die Berufspolitik wünschen und zweitens, wie sie die aktuellen Arbeitsbedingungen für Bundestagsabgeordnete bewerten. Die Befragten konnten ihre Einstellung zum Quereinstiegs-Statement auf einer Skala von 1 (Förderung von Quereinstieg unwichtig) bis 11 (Förderung von Quereinstieg sehr wichtig) abstufen.¹ Die Bewertung der aktuellen Arbeitsbedingungen wurde dichotom abgefragt.2
Abbildung 1. Wahrgenommene Wichtigkeit von Quereinstieg für die Qualität des politischen Personals

Quelle: YouGov im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, Dezember 2025, n = 2.117.
Beim Blick auf die Daten zeigt sich: tatsächlich wünscht sich eine Zweidrittelmehrheit der Befragten mehr Quereinstieg in den Bundestag, um die generelle Eignung des politischen Personals zu verbessern. Ungefähr ein Viertel der Befragten ist hier unentschieden, nur jeder Zehnte lehnt eine verbesserte Förderung von Quereinstieg eher ab.
Bei der Frage nach der Bewertung der Arbeitsbedingungen geben etwa zwei Drittel der Befragten an, dass der Arbeitsalltag von Bundestagsabgeordneten aktuell komfortabel genug sei. Das andere Drittel der Befragten erkennt herausfordernde und belastende Arbeitsbedingungen an.
Abbildung 2. Bewertung der Arbeitsbedingungen im Deutschen Bundestag

Quelle: YouGov im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, Dezember 2025, n = 2.117.
Rein deskriptiv bestätigt unsere Befragung frühere Analysen und den anekdotischen Eindruck, dass politischer Quereinstieg und damit „neue Köpfe“ bei der Bevölkerung hoch im Kurs stehen. Erweitert wird dieses Bild um Evidenz hinsichtlich der Bewertung der aktuellen Arbeitsbedingungen in der Berufspolitik, die die Befragten in der Tendenz aber mehrheitlich als komfortabel und folglich wenig verbesserungswürdig betrachten. Wunsch nach Reform besteht mehrheitlich also nur beim politischen Personal und nicht hinsichtlich der Arbeitsbedingungen, mit denen nicht nur die aktuellen, sondern auch neue Abgeordnete konfrontiert wären.
Status quo behalten, erneuern – oder beides?
Die deskriptive Evidenz kann auch Aufschluss darüber geben, in welcher Beziehung die Wünsche nach Strukturreform und Personalreform stehen. Richtigerweise kann man bemerken, dass sich der Wunsch nach – oder die Ablehnung von – sowohl neuem Personal als auch besseren Arbeitsbedingungen nicht wechselseitig ausschließen: Der Wunsch nach neuen Köpfen bei gleichzeitiger Anerkennung von anspruchsvollen Arbeitsbedingungen, exemplarisch Herausforderungen bei der Familienvereinbarkeit, ist ebenso denkbar wie die Ansicht, dass die Rahmenbedingungen für aktuelle Abgeordnete ausreichend komfortabel sind, um zu guten Ergebnissen zu kommen.
Abbildung 3. Wunsch nach Quereinstieg und Bewertung der Arbeitsbedingungen

Quelle: YouGov im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, Dezember 2025, n = 2.117.
Abbildung 3 zeigt, dass der Wunsch nach mehr Quereinstieg kaum davon abhängt, ob die Befragten die Arbeitsbedingungen für komfortabel halten oder nicht; beide Gruppen wünschen sich in einem ähnlichen Maße mehr Quereinstieg in die Politik. Der Wunsch nach neuen Gesichtern ist also nicht auf diejenigen beschränkt, die aktuellen Abgeordneten (zu) komfortable Arbeitsbedingungen attestieren – wobei gerade diese Gruppe Quereinstieg womöglich als eine Art disziplinierendes Moment in der Berufspolitik betrachtet.
Messbare Unterschiede zwischen einzelnen Bevölkerungsgruppen werden hingegen vor allem dann sichtbar, wenn man auf die populistischen Einstellungen der Befragten schaut – gemessen mit einer Kombination von Items, die Einstellungen zu Elitenmisstrauen und Volkssouveränität abfragen. In Abbildung 4 wird deutlich, dass Befragte mit stärkeren populistischen Einstellungen Quereinstieg erheblich stärker befürworten als diejenigen, die weniger stark anti-elitär eingestellt sind. Der Wunsch nach neuen Gesichtern, die keine lange Politikkarriere vorweisen können, ist also vor allem dort besonders ausgeprägt, wo Vertrauen zu und Zufriedenheit mit bestehenden politischen Eliten gering ist.
Abbildung 4. Wunsch nach Quereinstieg nach populistischen Einstellungen

Quelle: YouGov im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, Dezember 2025, n = 2.117.
Doch der Wunsch nach mehr Quereinstieg ohne die Anerkennung, dass auch strukturelle Reformen notwendig sind, denkt Erneuerung als bloßen Austausch von Personal: Alte Gesichter raus, neue rein. Übersehen wird hier die entscheidende Frage nach der Befähigung zu guter Berufspolitik. Der Quereinstieg ins Abgeordnetenverhältnis ist kein Stellenwechsel wie jeder andere; ohne politische Sozialisation sind neue Abgeordnete mit komplexen institutionellen Logiken und informellen Machtstrukturen konfrontiert – und einem Arbeitsalltag, der selten mit dem Vorherigen vergleichbar ist: So beklagte jüngst auch Hendrik Streek, Virologe und seit 2025 quereingestiegener CDU-Abgeordneter, seinen eng getakteten Arbeitsalltag im Bundestag.3 Als Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum in Bonn und gefragtes Mitglied im Corona-Expertenrat während der Pandemie stand er vor dem Bundestagsmandat sicherlich nicht im Verdacht, einen überdurchschnittlich entspannten Arbeitsalltag zu genießen; die Erfahrungen im Parlament waren für ihn als Quereinsteiger dennoch herausfordernder.
In einer eigenen Studie haben wir kürzlich 30 Bundestagsabgeordnete befragt, die das Parlament zur Bundestagswahl 2025 freiwillig verlassen haben – darunter auch Quer- und Seiteneinsteiger:innen, die nach nur einer Legislaturperiode und nicht selten frustriert wieder ausgeschieden sind.4 Aus den Gesprächen mit den Abgeordneten wurde deutlich: Besonders diejenigen, die neu in die Berufspolitik eingestiegen sind, sehen sich mit ungewohnten Hürden konfrontiert:
„Im Ministerium hingegen war es aus meiner Sicht extrem. Ich habe diese Ineffizienz jeden Tag gesehen. Ich habe zuvor in der ‚realen‘ Arbeitswelt gearbeitet und wusste, dass es auch anders geht – aber ich konnte es dort nicht ändern. In meinem kleinen Bereich, in meinem Büro, haben wir modern gearbeitet, auf einem Stand, der zumindest dem letzten Jahrzehnt entsprach. Aber darüber hinaus war das System erschreckend schwerfällig“, so ein anonymer Teilnehmer aus unserer Studie.
Daraus wird deutlich: Natürlich sind auch Quereinsteiger:innen – vermutlich sogar in besonderem Maße – darauf angewiesen, dass Arbeitsbedingungen und Strukturen im Bundestag so aufgestellt sind, dass sie ihre Fähigkeiten gewinnbringend und nachhaltig einbringen können. Der Wunsch nach neuen Gesichtern in der Politik ist, wie zu Beginn festgestellt, selbst nicht neu, und aktuelle Daten zeigen, dass er noch immer Bestand hat. Die Befragten versprechen sich von Quereinsteiger:innen eine verbesserte Eignung des politischen Personals. Dabei bleibt jedoch der Ruf nach neuen Köpfen laut, der nach einer Verbesserung der Arbeitsbedingungen insgesamt eher leise. Beide Maßnahmen sollten daher gemeinsam gedacht werden. Denn nur, wenn auch Politik-Neulinge auf Strukturen treffen, die ihnen erlauben, ihre Fähigkeiten tatsächlich nachhaltig einzubringen, kann aus personellem Wandel auch politischer Wandel werden. Zukünftige Quereinsteiger:innen, die womöglich mit einem wertvollen Vertrauensvorschuss in die parlamentarische Arbeit starten, könnten sich hier mit Verweis auf ihre Erfahrungen aus anderen Berufsfeldern und ohne „Betriebsblindheit“ besonders glaubwürdig einsetzen.
¹ Wie wichtig oder unwichtig sind Ihrer Meinung nach die nachfolgenden Maßnahmen zur Verbesserung der Eignung des politischen Personals im Bundestag? „Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger aus anderen Berufen mehr fördern“
2 Welcher der beiden Aussagen stimmen Sie eher zu? (1) Politikerinnen und Politiker haben eigentlich komfortable Arbeitsbedingungen und sollten sich nicht beschweren. (2) Der berufliche Alltag für Politikerinnen und Politiker kann sehr belastend sein. Ich kann gut verstehen, dass viele von ihnen darunter leiden.
3 Haberl, T. (2026, 26. Januar). Ich hätte nicht gedacht, dass Politik so anstrengend ist. Süddeutsche Zeitung Magazin 9/26. https://www.sueddeutsche.de/magazin/politik/streeck-politik-virologe-cdu-cannabis-pandemie-corona-szm.95932
4 Heinrich, F., & Greß, C. (2025). Arbeitsplatz Bundestag: Reformbedarf im Maschinenraum der Demokratie (EINWURF 07/2025). Bertelsmann Stiftung. https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/user_upload/EINWURF_Arbeitsplatz_Bundestag.pdf