Nachbarschaftshilfe als Zeichen gesellschaftlichen Zusammenhalts

Deutschland ist im Krisenmodus und findet nur in kleinen Schritt zurück zu einer Normalität, die vielleicht eine andere sein wird als zuvor. Die Corona-Pandemie hat das öffentliche Leben zeitweise nahezu komplett lahmgelegt und rund 150.000 Menschen sind bereits am neuartigen Virus erkrankt. Vor allem die Alten und Schwachen sind gefährdet und werden (pauschal) zur sogenannten Risikogruppe zusammengefasst. Zur Krisenrealität gehört auch, dass bei Kontakt mit einer infizierten Person eine zweiwöchige Selbstquarantäne verpflichtend ist, sodass man zur Deckung des täglichen Bedarfs, zum Beispiel mit Lebensmitteln, auf haushaltsexterne Hilfe angewiesen ist. Die Krise ist damit ein Belastungstest eigener Art für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und zwar dahingehend, dass die Risikogruppen nicht ausgeschlossen werden, sondern Hilfe geleistet wird, wenn sie nötig ist. Die Betrachtung von Nachbarschaftshilfe ist hierfür ein erhellendes Thema, denn an diesem Beispiel können wir Solidarität und Hilfe in den konkreten Lebenszusammenhängen von Menschen beobachten. In diesem Beitrag möchte ich drei Aspekte nachbarschaftlicher Hilfe in Zeiten von Corona diskutieren.

 

Nachbarschaftshilfe ist in Krisen normal

Mit dem Aufkommen der Viruserkrankung in Deutschland und dem Bekanntwerden der Gegenmaßnahmen schwappte auch eine Welle der Hilfsbereitschaft und nachbarschaftlicher Unterstützung durch die sozialen Medien. Daraus wird schnell abgeleitet, dass eine solche Hilfsbereitschaft etwas Besonderes sei. Das ist richtig und falsch zugleich. Richtig ist natürlich, dass es nicht alltäglich ist, Listen in den Hausflur zu hängen, auf denen sich Nachbarn für Einkaufshilfen eintragen können (weil sie zu einer Risikogruppe gehören oder in Quarantäne sind). Das ist das Besondere. Allerdings ist die nachbarschaftliche Unterstützung in Krisenzeiten eher Normalität als Ausnahme. Auch bei Naturkatastrophen, wie einem Hochwasser, sind es Nachbarn, die sich gegenseitig helfen, Sandsäcke zu füllen und die Keller abzudichten.

 

Krisenhilfe ist sozusagen die DNA der Nachbarschaftshilfe. Das Wort „Nachbar“ kommt aus dem Mittelhochdeutschen „nachgebur“, was so viel heißt wie naher Bauer. Im Mittelalter war es normal, sich in krisenhaften Momenten zu helfen. Bei jeder Ernte gab es Situationen, wo „Not am Mann“ war. Das Getreide musste so schnell es ging eingeholt werden und da war jede Hilfe nötig. Nachbarschaftshilfe war dabei selbstverständlich. Mit der aufkommenden Verstädterung in Zeiten der Industrialisierung wurde die Nachbarschaft modernisiert. Nun standen der Informationsaustausch und das Borgen von Gegenständen im Vordergrund, von dem vor allem die Arbeiter profitierten. Auf diese Weise erfuhren sie von neuen Arbeitsmöglichkeiten und konnten den Mangel an Haushaltsgegenständen immer wieder ausgleichen. Nachbarschaftshilfe half also, die vielen Alltagskrisen der von Armut und Elend gebeutelten Arbeiterklasse zu bewältigen. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein gibt es Zeugnisse solch enger nachbarschaftlicher Verflechtungen in Stadtviertel, die „typischerweise“ von der Arbeiterklasse bewohnt wurden.

 

Digitale Vernetzung zwischen Nachbarn kann bei der Krisenbewältigung helfen

Auch heute gehört zum nachbarschaftlichen Alltag das kurze und manchmal auch längere Gespräch, bei dem Neuigkeiten ausgetauscht oder auch einmal Konflikte gelöst werden. Doch hinzugekommen sind mittlerweile auch digitale Kommunikationswege zwischen Nachbarn. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, da die digitale Kommunikation grundsätzlich Einzug gehalten hat, und wieso sollte es bei Nachbarschaft auch anders sein? Zwei Wege der digitalen nachbarschaftlichen Vernetzung lassen sich derzeit beobachten: Zum einen gibt es die digitale Vernetzung zwischen Nachbarn, die zuvor analogen Kontakt hatten. Man tauscht die Telefonnummern aus und ist anschließend bei WhatsApp oder einem anderen Messenger-Dienst miteinander in Kontakt. Zum anderen existiert der indirekte Weg, indem die Menschen Nachbarschaftsplattformen wie nextdoor.com oder nebenan.de oder auch Facebook-Gruppen beitreten. Zwar bieten solche Plattformen die Möglichkeit, mit einzelnen Nachbarn per Direktnachrichten in Kontakt zu kommen, der Großteil der Kommunikation verläuft aber ohne direkte Adressierung. Das heißt, dass alle Nachbarn einen Post lesen können und er häufig auch so geschrieben ist.

 

Damit stellt der digitale Raum eine Erweiterung der Nachbarschaft dar. In der Corona-Krise erfahren solche digitalen Nachbarschaftsplattformen verstärkte Aufmerksamkeit. Beispielsweise hat die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Franziska Giffey, die Nachbarschaftsplattform nebenan.de in einem Videobeitrag explizit hervorgehoben.

Durch sie könne auch Hilfe für Risikogruppen oder Menschen in Quarantäne organisiert werden. Bislang sind noch keine Studien über die Nutzung solcher digitalen Hilfsangebote veröffentlicht, doch können sie zweifelsohne einen Beitrag leisten. Ob es eher direkte oder indirekte digitale Nachbarschaftskontakte sind, über die schlussendlich Unterstützung organisiert wird, muss sich zeigen. Vielleicht erweisen sich gerade digitale Werkzeuge der Nachbarschaftskommunikation als ein erfolgreicher Weg, den gesellschaftlichen Zusammenhalt in der Krise zu stärken.

 

Es besteht das Risiko, dass Nachbarschaften vergessen werden

Bei aller Euphorie über die Leistungsfähigkeit des gesellschaftlichen Zusammenhalts und nachbarschaftlicher Hilfe in der Corona-Krise darf nicht übersehen werden, dass es auch Gruppen gibt, die aus den nachbarschaftlichen Unterstützungsnetzwerken herausfallen, sowohl den analogen als auch den digitalen Netzwerken. Das wird deutlich, wenn man die Entwicklung der innerstädtischen Ungleichheit und die zunehmende Segregation in den letzten Jahren genauer betrachtet. In einer umfangreichen Studie zu 74 Kommunen in Deutschland haben Helbig und Jähnen vom Wissenschaftszentrum Berlin gezeigt, dass die soziale Spaltung in unseren Städten in den letzten Jahren zugenommen hat. Nicht nur Arme und Reiche sind immer seltener Nachbarn, auch Junge und Alte wohnen nicht mehr so häufig wie früher Tür an Tür. Die Unterschiede zwischen den Stadtteilen innerhalb einer Stadt sind gewachsen (und auch größer als zwischen Städten oder Regionen). Das heißt, dass sich Nachbarn immer ähnlicher werden. Die einen wohnen, wo sie wollen, die anderen, wo sie können. Häufig ist auch das Einkommen des Nachbarn ähnlich hoch wie das Eigene. Daraus resultiert auch der Befund, dass Menschen mit ihrer Nachbarschaft zufrieden sind und dort der Zusammenhalt höher ist als bei überregionalen Betrachtungen. Gleich und gleich gesellt sich gerne und dann ist auch die Hürde der Kommunikation und gegenseitigen Unterstützung niedriger.

 

Allerdings ist auch das Vertrauen in die Nachbarschaft und die Vertrauensbereitschaft in nachbarschaftliche Hilfe ungleich verteilt. Dort, wo die Mehrzahl der Ärmsten einer Stadt wohnt, ist das Sozialkapital häufig limitiert, sei es durch Misstrauen oder durch jeweils individuelle Probleme. Auch wohnen in den ärmsten Wohngebieten häufig relativ viele Zuwanderer. Einige sind erst seit Kurzem in Deutschland und kennen nicht immer die Gepflogenheiten oder beherrschen noch nicht ausreichend die deutsche Sprache. Sie werden mit einsprachigen Unterstützungslisten oder mono-lingualen digitalen Nachbarschaftsnetzwerken kaum angesprochen und fallen schnell durch die Netze nachbarschaftlicher Unterstützung. Kurzum, Nachbarschaften mit ohnehin vorhandenen Problemen und geringer Vernetzung schaffen es wahrscheinlich in der Corona-Krise seltener, sich selbst zu organisieren, sei es analog oder digital. Die Gefahr besteht, dass in solchen armutsgeprägten Wohngebieten, vor allem in Großstädten, die eingeschränkte nachbarschaftliche Unterstützung ein zusätzlich benachteiligender Faktor werden kann. Diesen abzumildern, ist die Aufgabe sozialer Dienste und der Kommunen, welche dafür aber Impulse setzen müssen, um Nachbarschaften zu organisieren, die es nicht von sich selbst aus schaffen.

 

Gesellschaftlicher Zusammenhalt in Aktion

Die Corona-Pandemie ist ein Belastungstest für den gesellschaftlichen Zusammenhalt, doch zeigt er in der Krisenzeit auch seine Leistungsfähigkeit: Menschen helfen sich gegenseitig, wenn es nötig ist. Doch nicht alle profitieren davon in gleicher Weise. Neben den Menschen, die in belasteten Nachbarschaften leben, sind dies vor allem Ältere in Pflegeeinrichtungen, die von ihren Angehörigen und Freundeskreisen abgetrennt sind oder auch Familien mit Kindern im vorschul- und schulpflichtigem Alter. Der gesellschaftliche Zusammenhalt hilft vielen Menschen dabei, durch die Krise zu kommen. Dort, wo er fehlt oder schwächer ist, braucht es jedoch besondere Unterstützung. Technische Assistenzsysteme wie digitale Kommunikationskanäle in Pflegeeinrichtungen oder gemeinwesenorientierte Angebote der Sozialen Arbeit helfen dabei, die Ungleichheiten gesellschaftlichen Zusammenhalts zumindest abzumildern. Insgesamt kann durch die vielen guten Erfahrungen während der Krise, zum Beispiel durch nachbarschaftliche Unterstützung, der gesellschaftliche Zusammenhalt gestärkt werden, vor allem wenn dabei auch diejenigen mitgenommen werden, die von Ausschluss und Benachteiligung bedroht sind.



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