Serie über Zusammenhalt in Zeiten der Krise | Teil 4: Akzeptanz von Diversität

Serie über Zusammenhalt in Zeiten der Krise | Teil 4: Akzeptanz von Diversität

Über die Serie: Im Projekt „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“ untersuche ich seit 2012, wie es um das gesellschaftliche Miteinander in Deutschland bestellt ist. Grundlage ist ein Modell mit neun Dimensionen: Soziale Netze, Vertrauen, Akzeptanz von Diversität, Identifikation, Institutionen-vertrauen, Gerechtigkeitsempfinden, Solidarität und Hilfsbereitschaft, Anerkennung sozialer Regeln und gesellschaftliche Teilhabe. In jedem Teil dieser Serie werde ich darauf eingehen, welche Auswirkungen die Corona-Krise auf jeweils eine der Dimensionen von Zusammenhalt hat. Im letzten Beitrag ging es um das generalisierte Vertrauen. In diesem Beitrag geht es heute um die Akzeptanz von Diversität.

Was hat Vielfalt mit der Pandemie zu tun?

Dieser Beitrag wird ein wenig anders als die drei zuvor. Diesmal geht es um die Akzeptanz von Diversität. Auf den ersten Blick haben die Corona-Pandemie und gesellschaftliche Vielfalt gar nicht so viel miteinander zu tun. Auf den zweiten Blick kann man erkennen, dass die Corona-Krise den Scheinwerfer sehr genau auf den gesellschaftlichen Umgang mit Vielfalt richtet.

In den bisherigen Beiträgen zu sozialen Netzen und Vertrauen habe ich eher danach gefragt, wie sich Corona auf die jeweiligen Dimensionen von Zusammenhalt auswirkt oder in welcher Wechselwirkung sie miteinander stehen. In diesem Beitrag werde ich mir anschauen, welche bereits bestehenden gesellschaftlichen Trends in der Corona-Krise klarer sichtbar wurden und stärker ins allgemeine Bewusstsein gerückt sind. Bezogen auf Vielfalt heißt das: Ich gehe davon aus, dass die Krise die gesellschaftliche Akzeptanz von Vielfalt weder vergrößert noch reduziert hat. Aber in der Krise konnte man viel darüber erfahren, wie wir mit Vielfalt umgehen.

Zunächst aber: Warum gehört Akzeptanz von Diversität zum Zusammenhalt?

In unserem Konzept von Zusammenhalt wollten wir sicherstellen, dass es sich um einen inklusiven Zusammenhalt handelt. Wir wollten keinen Zusammenhalt messen, der bestimmte Gruppen, z.B. aufgrund ihrer Herkunft, Hautfarbe, Religion oder Sexualität, ausschließt. Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetzes ist für unser Konzept der zentrale Bezugspunkt:

(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.

Über den Begriff Rasse muss man an dieser Stelle wenig Worte verlieren: Der sollte aus dem Grundgesetz, meiner Meinung nach, dringend raus! Argumente dafür gibt es genug und die aktuelle Diskussion ist mehr als überfällig. Wir gehen also von gesellschaftlichem Zusammenhalt in einer vielfältigen Gesellschaft aus. Dazu haben wir vor Kurzem das Projekt „Vielfalt leben – Gesellschaft gestalten“ mit zahlreichen Studien und Veranstaltungen durchgeführt, in dessen Zusammenhang auch dieser Blog ursprünglich entstanden ist.

Was lehrt uns also Corona über die Akzeptanz von Vielfalt? Zunächst einmal, dass Rassismus ein weit verbreitetes Phänomen ist.

Anti-asiatischer Rassismus

Die Corona-Pandemie hat anti-asiatischen Rassismus befeuert. In den USA berichtet die Anti Defamation League von zahlreichen rassistischen Ereignissen im Zusammenhang mit dem Corona-Virus. Der amerikanische Präsident Donald Trump spricht vom chinesischen Virus oder auch von „Kung Flu“.

 

Nach Berichten von Human Rights Watch ist das ein weltweites Phänomen, und UN-Generalsekretär Antonio Guterres sprach Anfang Mai von einem „Tsunami aus Hass und Fremdenfeindlichkeit“ im Zusammenhang mit Covid-19.

Auch in Deutschland passiert das: In der Straßenbahn setzen sich andere Fahrgäste weg, wenn jemand in den Waggon kommt und asiatisch aussieht. Die Journalistin Nhi Le berichtet über ihre persönlichen Erfahrungen und darüber, wie es sich anfühlt, wenn alle so tun, als sei man für die Verbreitung des Virus verantwortlich. Sie schreibt: „Und weil es vielen Leuten nicht ausreicht, im Offline-Leben diskriminierend zu sein, wird auch das Internet genutzt, um Asiatinnen rassistisch zu belästigen. Scheinbar haben viele Menschen in ihrer Heimquarantäne nichts Besseres zu tun, als ihren Rassismus raus zu kübeln.

Victoria Kure-Wu berichtet im Gespräch mit der Deutschen Welle davon, wie jemand ihr in der Öffentlichkeit zugerufen habe, man solle sie mit Desinfektionsmittel ansprühen.

Rassismus und auch der Rassismus gegenüber asiatischen Menschen ist nicht neu oder gar durch Corona entstanden, aber er wird dadurch massiv an die Oberfläche gespült. Er wird sichtbarer. Dass dies während einer Pandemie passiert, ist nicht überraschend. Seuchen haben in der Menschheitsgeschichte immer wieder Vorurteile bestärkt und die Fremden, die Anderen als Sündenböcke gebrandmarkt.

Wie Pandemien bedrohliche Fremdgruppen erzeugen

Wie ich bereits im ersten Teil der Serie geschrieben habe, sind Epidemien bzw. Pandemien „soziale Krankheiten“, d.h. sie wirken sich massiv auf das gemeinschaftliche Miteinander aus. Sie führen Trennungslinien ein zwischen Gesunden und Kranken. Sie verstärken die Neigung von Menschen, sich vor Fremden zu fürchten, weil diese ja die Krankheit mitbringen könnten. Weil sich die Krankheit unsichtbar und unbemerkt in ein Gemeinwesen „einschleicht“ und die Ursachen nicht sofort offensichtlich sind, steht auch häufig die Frage nach der Schuld im Raum. Dann passiert es schnell, dass es nur noch darum geht, einen Sündenbock zu finden, der für das ganze Elend verantwortlich gemacht werden kann.

Als im Mittelalter die Pest in Europa wütete, wurden die Juden bezichtigt, für die Krankheit verantwortlich zu sein („Brunnenvergifter“). In den 1980er Jahren, als AIDS die Welt eroberte, waren es insbesondere schwule Männer, die als Kern des Problems ausgemacht wurden (und die deshalb bis heute z.B. in Deutschland kein Blut spenden dürfen). Bevor sich AIDS als Bezeichnung durchsetzte, war auch von GRID die Rede: Gay Related Immune Deficiency. Insbesondere zu Beginn der Corona-Pandemie waren es nun wiederum asiatisch aussehende Menschen, die als Bedrohung stigmatisiert, ausgegrenzt oder sogar beleidigt und angegriffen wurden.

Der Fremde als Bedrohung

Mit der Zeit hat sich die Asien-Fixierung der Corona-Pandemie ein klein wenig gelegt, insbesondere natürlich auch deshalb, weil gerade China, Südkorea oder auch Singapur mit ihrem allem Anschein nach erfolgreichen Krisenmanagement bewiesen haben, dass es in Südostasien besser gelungen ist, die Pandemie in den Griff zu bekommen als in manch anderen Weltregionen. Und trotzdem, in Bezug auf Fremde werden auch im weiteren Verlauf der Krise Stereotype sowie rassistische oder fremdenfeindliche Reflexe sichtbar. Als es jüngst im Kreis Gütersloh in einem Schlachtbetrieb zu einem massiven Ausbruch mit über 1.000 Infizierten kam, hörte man als eine der ersten Reaktionen, dies läge daran, dass die ausländischen Arbeitskräfte aus Rumänien, Bulgarien oder Polen die Infektion in den Betrieb gebracht hätten. Schon bald verdichteten sich aber die Hinweise, dass es an den erbärmlichen Arbeits- und Unterbringungsbedingungen und vermutlich an unzureichenden betrieblichen Hygienemaßnahmen lag.

#BlackLivesMatter

Es dürfte keine bloße Koinzidenz gewesen sein, dass inmitten der Pandemie und zu Beginn der vielleicht größten Wirtschaftskrise der letzten hundert Jahre die Bewegung  #BlackLivesMatter, die seit rund sieben Jahren existiert, eine weltweite Resonanz erfährt. Diese Bewegung folgt in ihren groben Zügen den Pfaden, die zuvor  #Metoo bereits beschritten hatte. Und mit Sicherheit gibt es zahlreiche Gründe, warum diese Bewegung global so wirkmächtig und präsent werden konnte. Dass sie gerade jetzt besonders stark in Erscheinung tritt, dürfte aber auch damit zu tun haben, dass in den USA die schwarze Bevölkerung sowohl überproportional von den Infektionen mit Corona als auch von den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie betroffen ist. In ähnlicher Form gilt dies im Übrigen auch für Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland, z.B. auf dem Arbeitsmarkt oder auch beim Homeschooling.

Das heißt, das Video, das den Tod von George Floyd zeigte, traf auf eine Situation, in der die Benachteiligung der schwarzen Bevölkerung in den USA in eklatanter Weise sichtbar wurde. Dass die #BlackLivesMatter-Bewegung gerade in Zeiten von Corona eine solch breite Resonanz in der ganzen Welt erfährt, hat sicherlich damit zu tun, dass diese besondere Betroffenheit durch die Krise auf viele marginalisierte und benachteiligte Gruppen auch in anderen Ländern zutrifft.

In der Krise wird eben deutlich, wie Gesellschaften mit Vielfalt umgehen und es wird sichtbar, wo es Benachteiligung, Ausgrenzung und Diskriminierung gibt.

 

Hier geht es zu den früheren Beiträgen der Serie: Teil 1, Teil 2 und Teil 3.



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