Isolation betrifft Viele – seit Jahren. Die Interkulturelle Woche 2020 findet statt!

Dies ist ein Gastbeitrag von Friederike Ekol. Sie ist Politologin und Geschäftsführerin des bundesweiten Ökumenischen Vorbereitungsausschusses zur Interkulturellen Woche mit Sitz in Frankfurt am Main. Wenn Sie Fragen zur Interkulturellen Woche haben, können Sie sich direkt an info@interkulturellewoche.de wenden oder die Website www.interkulturellewoche.de besuchen.

Seit Jahrzehnten findet alljährlich im September die Interkulturelle Woche (IKW) statt (mehr zur Geschichte der IKW). Hierbei handelt es sich um eine bundesweite Aktionswoche mit mehr als 5.000 Veranstaltungen in über 500 Städten und Gemeinden. Charakteristisch für die Interkulturelle Woche ist, dass die einzelnen Veranstaltungen von Initiativen und Organisationen dezentral vor Ort organisiert und durchgeführt werden. Die Planungen dazu beginnen im Frühjahr und sind 2020 vielerorts mit großen Fragezeichen versehen: Sollen die Kommunen, die ganz überwiegend die lokalen Veranstaltungen in der Aktionswoche koordinieren, mit den Planungen beginnen? Lassen sich die gewohnten Formate verwirklichen, wenn womöglich bis in den September hinein Kontakteinschränkungen fortbestehenden? Wird die IKW im Herbst bei einer fortdauernden dynamischen Entwicklung der Pandemie überhaupt Gehör finden? Sind die vor Ort aktiven Vereine, Initiativen und Institutionen bereit, mitzumachen und können die notwendigen Gelder eingesammelt werden? Also kurz: Lohnt sich der Aufwand, wenn nicht sicher ist, wo wir im Herbst stehen?

 Wir sagen, gerade jetzt!

Klar ist, die IKW 2020 wird anders werden als alle Aktionswochen zuvor. Aber gerade in der Krise mit ihren Kontaktbeschränkungen sind ihre Kernelemente besonders wichtig. Das Grundrezept der Interkulturellen Woche ist so einfach wie wirksam: Eigene Vorurteile können in der direkten Begegnung mit anderen überwunden werden. Begegnung, Austausch und Dialog sind in den letzten Wochen schwergefallen. Umso wichtiger ist es, Wege zu finden, auch in diesem Jahr die Menschen zusammenzubringen. Denn nur gemeinsam lässt sich wirksam gegen Rassismus, Antisemitismus und jede Form der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zusammenstehen. Diejenigen, die aufgrund rechtlicher, sozialer und wirtschaftlicher Benachteiligung nicht gleichberechtigt teilhaben können, erfahren Solidarität und Gemeinschaft.

Die plurale Demokratie mitgestalten

Kommunale Strukturen machen Politik begreifbar. In Städten und Landkreisen eröffnen sich zivilgesellschaftlich wichtige Räume und Möglichkeiten. Diese können genutzt werden, um die plurale Demokratie mitzugestalten.

 Das Engagement im Rahmen der Interkulturellen Woche trägt dazu bei, Demokratie lebendig und inklusiv zu gestalten – gemeinsam stark und solidarisch niemanden zurück zu lassen. In der aktuellen Krise droht in Vergessenheit zu geraten, dass wir als Gesellschaft bereits vor fünf Jahren eine große Herausforderung gemeinsam bewältigt haben. Damals hat Deutschland eine große Anzahl von Schutzsuchenden aufgenommen. Der Optimismus und die Tatkraft der Zivilgesellschaft haben maßgeblich dazu beigetragen, dass die überwiegende Zahl der damals neu Dazugekommenen mittlerweile Fuß fassen konnte und diese Gesellschaft mitgestaltet.

 Die Europäische Menschenrechtskonvention hat Geburtstag und viele dürfen nicht mitfeiern

Mittlerweile schachert Europa ungeniert um die Aufnahme einiger weniger Kinder und Jugendlicher aus den Lagern an der Außengrenze. Die private Seenotrettung ist faktisch außer Kraft gesetzt, und die Situation in den Gefangenenlagern in Libyen ist katastrophal wie eh und je. In dem Jahr, in dem die Europäische Menschenrechtskonvention ihren 70. Geburtstag feiert, konterkariert diese Realität deren Ideale und Ansprüche. Die IKW greift die „vergessenen“ Themen auf und rückt sie durch Diskussionen und Veranstaltungen mit Betroffenen, Politiker*innen und Aktiven wieder stärker in das öffentliche Bewusstsein.

 Zusammen leben, zusammen wachsen

Das Motto der diesjährigen Interkulturellen Woche lautet „Zusammen leben, zusammen wachsen“. Es weist darauf hin, dass die ganz überwiegend aufnahmebereite Vielfaltsgesellschaft willens und in der Lage ist, neu dazukommenden Menschen Perspektiven zu geben und ihnen zu ermöglichen, schnell mit den schon länger hier Ansässigen zusammen zu wachsen. Das Motto ermutigt dazu, selbstbewusst und wachsam die Errungenschaften unserer Gesellschaft immer wieder zu unterstützen, zu präsentieren und zu feiern. Alle, die hier leben, müssen teilhaben dürfen. Alle, die hier leben, können zusammen wachsen.

Die Praxis im Jahr der Corona-Pandemie

Die Organisatorinnen und Organisatoren stehen diesmal vor ganz neuen praktischen Fragen: Auch wenn sich viele Formate ins Internet verlegen lassen, so ersetzt dies nicht die persönliche Begegnung. Insbesondere für die großen Auftakt- und Abschlussveranstaltungen ist noch völlig offen, ob und unter welchen Bedingungen sie stattfinden können.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist es sicher sinnvoll, sich auf verschiedene Szenarien für den Herbst einzustellen. In den kommenden Wochen wird es darum gehen, Veranstaltungsformate, die sich auch in Zeiten der Kontaktbeschränkungen umsetzen lassen zu sammeln und vorzustellen,. Auf unserer Website stellen wir in der Rubrik „Good Practice“ Beispiele und Anregungen vor, die auch in Zeiten der Pandemie wirkungsvoll für die Gesellschaft der Vielen werben und Menschen in Kontakt und Austausch bringen können. Außerdem bringt die aktuelle Lage neue Themen mit sich, die in der Aktionswoche eine Rolle spielen werden.

 Die Pandemie trifft manche Gruppen besonders hart

Nicht aus dem Blick geraten dürfen Gruppen, deren Situation schon lange im Rahmen der IKW thematisiert wird. Sie sind vielfach in besonderer Weise von der Pandemie betroffen.

So hat sich die Situation in den Erstaufnahmeeinrichtungen und sogenannten AnkER-Zentren durch die Hygiene- und Quarantänesituation verschärft. Menschen werden dort noch stärker isoliert; trotzdem kommt es zu Masseninfizierungen, die belegen, dass der Schutz vor Ansteckung nicht gewährleistet werden kann. Im Rahmen der Interkulturellen Woche lässt sich perspektivisch über die Notwendigkeit der dezentralen Unterbringung vor dem Hintergrund der aktuellen Situation sprechen. Unter Einbeziehung von direkt Betroffenen und Verantwortungsträgern kann für politische Lösungen geworben werden.

Menschen mit Einwanderungsbiografie werden vielfach in besonderer Weise ausgegrenzt und benachteiligt. Auch die schwierige Bildungssituation hat Kinder und Jugendliche und ihre Familien mit unterschiedlicher Härte getroffen. Wichtige Ansprechpartner sind hier die Migrant*innenorganisationen. Doch diese sind vielerorts existenziell bedroht. Oft finden sie keinen Schutz unter den aufgespannten Rettungsschirmen und gerade jetzt, wo ihre Beratungs- und Unterstützungsarbeit besonders wichtig sind, kämpfen sie aufgrund einbrechender Spenden- und Mitgliedsbeiträge um die Existenz. Für Jugendliche, die sich abgehängt fühlen, für Menschen, die ihren Job verloren haben, für psychosoziale Problemlagen, die aufgrund der Pandemie entstehen oder sich verschärft haben, fehlen somit die Ansprechpartner. Migrant*innenorganisationen sind kein Luxus und auch keine Nische – sie sind wichtiger und unverzichtbarer Ausdruck einer Vielfaltsgesellschaft, die Partizipation und Gleichberechtigung als konstituierende Elemente wertschätzt. Ihr Engagement kann im Rahmen der IKW sichtbar gemacht werden.

Die Wut-Debatten werden lauter

Und die Feinde der pluralen Demokratie? Die wittern ihre Chance, sich die Pandemie als Endzeitszenario zunutze zu machen und neue Allianzen zu schmieden: Antisemitismus, Rassismus und Verschwörungstheorien haben Konjunktur. Kein Jahr ist vergangen seit den Morden an den jungen Erwachsenen in Hanau, dem Terroranschlag auf die Synagoge in Halle und dem Attentat auf Walter Lübcke. Hass und Hetze dröhnen weiterhin durchs Netz und viele Medienberichte zeugen von anhaltenden Anschlägen auf Muslime, Juden, Geflüchtete und als „fremd“ markierte Menschen. Eine gesamtgesellschaftliche Stimmung der Solidarität, wie sie zu Beginn der Pandemie spürbar war, kann kippen. Die Wut-Debatten werden lauter (siehe hierzu auch diesen Beitrag).

Die Interkulturelle Woche 2020 findet statt!

All das sind Themen, die angesprochen und diskutiert werden müssen. Die Interkulturelle Woche und der Tag des Flüchtlings, der im Rahmen der IKW stattfindet, ist der Platz dafür. Vielleicht werden wir improvisieren müssen, vielleicht werden nicht alle Veranstaltungsformate so umgesetzt werden können, wie sie sich seit Jahren vor Ort bewährt haben. Vielleicht werden wir uns auf Neues einlassen müssen: Zeit auszuprobieren und kreativ zu sein, Zeit andere Wege zu finden und zu gehen.

Materialien zur Interkulturellen Woche stehen auf der Homepage zum Download bereit und können auch hier in gedruckter Form bestellt werden.

 



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