Vier Thesen zur Zukunft des Zusammenhalts – in und nach der Corona-Krise

Wie schaffen wir auch für die Zukunft gesellschaftlichen Zusammenhalt? Noch vor der Corona-Krise, im September letzten Jahres, diskutierten wir darüber im Projekt „Trying Times“ der Bertelsmann Stiftung mit dem kanadischen Schriftsteller und politischen Denker              John Ralston Saul. Wir hatten ihn eingeladen, seine Überlegungen zu diesem Thema auf der internationalen „Trying Times“-Konferenz vorzustellen. Die Rede des preisgekrönten Essayisten und ehemaligen Vorsitzenden von PEN International ist jetzt in deutscher Übersetzung erschienen und thematisiert zentrale gesellschaftliche Herausforderungen, die in Corona-Zeiten sogar noch an Bedeutung gewonnen haben. In diesem Beitrag stelle ich vier seiner wichtigsten Thesen zur Zukunft des Zusammenhalts vor und ordne sie in die Corona-Debatte ein.

 

These 1:

„Eines der größten Probleme der heutigen Zeit ist die aggressive Meinungsmache“

Die Diagnose Sauls, dass aggressive Meinungsmache heute eines der größten Probleme darstelle, gilt in Zeiten von Corona mindestens so sehr wie zuvor. Tendenziell hat sich das Problem sogar noch verschärft. Zahlreiche führende Politiker:innen in Deutschland warnten in den letzten Wochen explizit vor den sich rasant verbreitenden Falschinformationen und Verschwörungsmythen im Zusammenhang mit dem Corona-Virus. Während heute meist von „Fake News“ die Rede sei, könne man auch, so Saul, „von einem linguistischen Chaos sprechen“. Dies trifft auf einen Teil der diskursiven Kämpfe rund um Corona sicherlich zu. Der Einsatz für Faktenorientierung und gegen ausgrenzende, aufhetzende Propaganda im öffentlichen Diskurs wird eine wichtige Aufgabe für Akteur:innen in Politik und Zivilgesellschaft bleiben – mit oder ohne Corona.

 

These 2:

„Virtuelle Begegnungen können wirkliche Menschen, wirkliche Orte und wirkliche Beziehungen nicht ersetzen“

Es sei ein Fehler zu glauben, so Saul in seiner Rede, dass virtuelle Begegnungen von Menschen das Zusammentreffen von „wirklichen“ Menschen an „wirklichen“ Orten ersetzen könnten. Diese Gegenüberstellung von virtuellen Begegnungen und „wirklichen“ Menschen, Orten oder Beziehungen ist zugegebenermaßen etwas provokant und wirkt vielleicht überspitzt. Aber sie ist trotzdem bedenkenswert, gerade jetzt in einer Phase, in der sich das quantitative Verhältnis von virtuellen zu analogen Begegnungen geradezu umgekehrt hat.

Die erste Euphorie über die digitalen Möglichkeiten, das soziale Leben privat und beruflich auch während der Kontaktbeschränkungen aufrechtzuerhalten, beginnt langsam abzuebben. Eine gewisse Ermüdung macht sich breit, und die Sehnsucht nach der Wiederaufnahme von face to face-Begegnungen wächst. Wir müssen darüber diskutieren, welche digitalen Formate das gesellschaftliche Leben langfristig und nachhaltig bereichern können. Saul schließt im Übrigen nicht aus, dass wir zum Beispiel im Hinblick auf die Wahrnehmung von Bürgerrechten „neue Verfahren entwickeln werden, die sich zum Teil aus den ständigen technologischen Neuerungen ergeben“.

John Ralston Saul in der Diskussion zu seinem Vortrag auf der „Trying Times“-Konferenz zum Thema „Rethinking Social Cohesion“ am 6. September 2019 in Berlin

These 3:

„Beim gesellschaftlichen Zusammenhalt dreht sich alles um Vielfalt“

Saul betont, dass Vielfalt und Zusammenhalt in modernen Demokratien nicht als Gegensätze zu verstehen sind. Er grenzt dieses komplexere Verständnis von Zusammenhalt von einem simplen Einheitsdenken ab, das sich historisch in den frühen Nationalstaaten entwickelt hat: „Im alten Nationalstaat haben die Herrschenden die Bürgerschaft auf den einfachsten Nenner gebracht und die Ansicht vertreten, dass gesellschaftlicher Zusammenhalt durch die Beseitigung von Vielfalt entsteht“. Dieses auf Homogenität gerichtete Modell führt jedoch unweigerlich dazu, dass ein Teil der Menschen ausgeschlossen und ins Abseits der Gesellschaft gedrängt wird.

Dies widerspricht dem zentralen demokratischen Prinzip der gleichen Teilhabe, und laut Saul ist Zugehörigkeit keine statische Voraussetzung, sondern vielmehr das Ergebnis des dynamischen demokratischen Prozesses: „Teilhabe ist die ursprüngliche Basis für Gemeinschaft.“ Vielfalt und Komplexität sind natürliche Bestandteile dieser Dynamik, und laut Saul sollten „wir uns klar machen, dass erfolgreiche Gesellschaften nicht auf Passivität oder Bequemlichkeit beruhen, sondern vielmehr auf positiven Spannungen“. Wir sollten uns darauf konzentrieren, dass „Spannungen kreative und positive Kräfte freisetzen“ können. Dieser Blickwinkel kann uns helfen, die aktuellen Debatten rund um die Corona-Beschränkungen und -Lockerungen als Ausdruck einer lebendigen Demokratie zu begreifen, die uns als Gesellschaft weiterbringen und den Zusammenhalt stärken können.

 

These 4:

„Kulturelle Institutionen gehören ins Zentrum des Konzepts von gesellschaftlichem Zusammenhalt“

Natürlich ist eine funktionierende Gesellschaft kein Selbstläufer, betont Saul: „Wir müssen etwas tun für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.“ Neben den Nachbarschaften und Kommunen, die – wie während der Corona-Krise besonders deutlich wurde – zentrale Orte für Bürgerschaft und gelebten Zusammenhalt darstellen, kommt auch kulturellen Institutionen eine Schlüsselfunktion zu. Dies gilt umso mehr mit Blick auf die Arbeit am gesellschaftlichen Zusammenhalt in einem Einwanderungsland, das durch eine Vielfalt von kulturellen Einflüssen geprägt wird. Teilhabe und Mitwirkung am kulturellen Selbstverständnis der Gesellschaft tragen zur Vergemeinschaftung in einer vielfältigen Gesellschaft bei und fördern zugleich „ein Lernen, mit dieser Vielfalt zu leben.“ Insofern sind Kunst-, Kreativ- und Kultureinrichtungen systemrelevant und bedürfen in der Corona-Krise, die kulturelle Orte wie Konzerthäuser, Museen oder (Programm-)Kinos besonders hart trifft, tatkräftiger Unterstützung.

 

Fazit: Gerade jetzt müssen wir Sauls Thesen ernst nehmen

Die Bewahrung und Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts in zunehmend komplexen Gemeinwesen zählte bereits vor Corona zu den zentralen Herausforderungen für Politik und Zivilgesellschaft. Die Pandemie mit ihren gravierenden wirtschaftlichen und sozialen Konsequenzen stellt eine Zerreißprobe für Gesellschaften dar und erhöht die Dringlichkeit, sich für das gelingende Miteinander in pluralen Gemeinwesen einzusetzen. Die Thesen John Ralston Sauls haben dabei nicht an Aktualität verloren. Gerade jetzt müssen wir sie ernst nehmen. Wir haben es in der Hand, die Gesellschaft für die Zeit nach Corona gut aufzustellen. Wenn wir es schaffen, das in der Ausnahmesituation freigesetzte kreative und positive Potenzial für gesellschaftliche Innovationen und einen lebendigen Zusammenhalt nachhaltig zu nutzen, wird die Demokratie gestärkt aus der Krise hervorgehen.

 

Die vollständige Rede von John Ralston Saul steht hier zum Download bereit:                          Englisch | Deutsch



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