Serie über Zusammenhalt in Zeiten der Krise | Teil 6: Gerechtigkeitsempfinden

Über die Serie: Im Projekt „Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt“ untersuche ich seit 2012, wie es um das gesellschaftliche Miteinander in Deutschland bestellt ist. Grundlage ist ein Modell mit neun Dimensionen: Soziale Netze, Vertrauen, Akzeptanz von Diversität, Identifikation, Institutionenvertrauen, Gerechtigkeitsempfinden, Solidarität und Hilfsbereitschaft, Anerkennung sozialer Regeln und gesellschaftliche Teilhabe. In jedem Teil dieser Serie werde ich darauf eingehen, welche Auswirkungen die Corona-Krise auf jeweils eine der Dimensionen von Zusammenhalt hat.
In diesem Beitrag geht es heute um die Dimension Gerechtigkeitsempfinden.

 

Gerechtigkeitsempfinden ist zentral für den Zusammenhalt

Für den gesellschaftlichen Zusammenhalt spielt das Gerechtigkeitsempfinden eine zentrale Rolle. Nur wenn die Menschen in einer Gesellschaft die soziale Ordnung als gerecht wahrnehmen und den Eindruck haben, fair behandelt zu werden, fühlen sie sich auch anerkannt und zugehörig. Dies gilt besonders in Krisenzeiten, aber auch davor. In unseren letzten beiden Erhebungen fielen dabei die Werte für das Gerechtigkeitsempfinden durchaus problematisch aus: Nur eine Minderheit unserer Befragten hatte den Eindruck, es gehe in Deutschland im Großen und Ganzen gerecht zu. So fanden 2017 gerade einmal 16 Prozent die sozialen Unterschiede im Land gerecht. Anfang 2020 (im Februar und März) waren es mit 17 Prozent unwesentlich mehr, aber im Sommer 2020 (Mai und Juni) sank dieser Wert auf 12 Prozent ab. Dass die wirtschaftlichen Gewinne gerecht verteilt werden, glaubten in unserer letzten Befragung lediglich 9 Prozent und gerade mal jeder Fünfte war der Meinung, man würde entsprechend der eigenen Leistung vergütet.

Die Pandemie ist ungerecht!

Wenn schon die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen als nicht gerecht empfunden werden, so hätte man meinen können, wenigstens ein Virus würde keinen Unterschied zwischen den Menschen machen und alle gleichermaßen treffen. Der bisherige Verlauf der Pandemie hat uns aber eines Besseren belehrt. Als wir im Sommer nach der ersten Phase der Kontaktbeschränkungen die Menschen in Deutschland befragt haben, lag eine positive Gestimmtheit in der Luft: Der Zusammenhalt wurde als gestärkt wahrgenommen und die bisherige Bewältigung der Krise als durchaus gelungen eingeschätzt. Eine zweite Infektionswelle oder gar ein nochmaliger „Lockdown“ war für die meisten weit weg. Dennoch war die Mehrheit der Deutschen schon im Juni der Meinung, die Corona-Pandemie würde die soziale Spreizung im Land vergrößern: 48 Prozent unserer Befragten sagten damals, durch die Pandemie hätten sich die sozialen Unterschiede vergrößert. Dass die Unterschiede in etwa gleich geblieben seien, sagten 30 Prozent.

 

 

Unsere Befragten waren sich dabei mehrheitlich einig, dass es vor allem die „kleinen Leute“ sind, die die Hauptlast zu tragen hätten: 55 Prozent stimmten der Aussage zu, dass die Corona-Pandemie die Chancen der kleinen Leute beschränkt. Wir hatten die Menschen auch danach gefragt, wie sehr sie persönlich von der Pandemie betroffen seien. Hier zeigte sich beispielsweise, dass Personen in prekären Lebenslagen, d.h. mit geringem Einkommen und niedriger Qualifizierung, sich deutlich häufiger Sorgen um Menschen im eigenen Umfeld machen, sich häufiger um Angehörige kümmern müssen oder Nachbarschaftshilfe leisten sowie ihre Kinder zuhause betreuen. Genau diese Gruppe hat auch die mit Abstand größten Sorgen um die eigene Zukunft.

 

Jeder Dritte verzeichnet Einbußen beim Einkommen

Diese eher subjektiven Eindrücke, die wir in unserer Umfrage gefunden haben, bestätigt nun eine aktuelle Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung (WSI): Für dieses Forschungsprojekt wurden im April und Juni rund 6.000 Personen zu ihren finanziellen Einbußen in den ersten Monaten der Corona-Pandemie befragt. Knapp jeder Dritte berichtete in dieser Studie davon, aufgrund der Pandemie Einkommenseinbußen erlitten zu haben. Jedoch verteilen sich die Einkommenseinbußen nicht gleichmäßig über alle Befragten: Je niedriger beispielsweise das Einkommen ist, umso häufiger verzeichnen die Forscher einen Einkommensverlust. In der niedrigsten Einkommensgruppe war rund jeder Zweite davon betroffen, in der höchsten Einkommensgruppe hingegen nur etwas mehr als jeder Vierte. Auch Menschen mit Migrationshintergrund und Haushalte mit Kindern waren laut dieser Studie überdurchschnittlich häufig mit verringertem Einkommen aufgrund der Pandemie konfrontiert.

 

Mehrheit stimmt den Maßnahmen der Regierung zu

Die für den November beschlossenen Maßnahmen, um die steigenden Infektionszahlen wieder in den Griff zu bekommen, drohen jedoch die sozialen Verwerfungen der Krise nochmals zu verstärken. Vor allem in Gastronomie und Hotellerie, aber auch im Kultur- und Sportbereich, wird es zu großen Umsatzeinbußen kommen. Experten von DIW und IW schätzen, dass dadurch auch weitere Arbeitsplätze verloren gehen werden. Dabei ist die Zustimmung zu den Maßnahmen der Bundesregierung immer noch groß. Unmittelbar bevor Bund und Länder die verschärften Maßnahmen für den November überhaupt beschlossen hatten, hielten laut ARD-DeutschlandTrend etwa die Hälfte der Bürger die damals gültigen Maßnahmen für ausreichend und weitere 32 Prozent sagten, diese gingen noch nicht weit genug. Und auch der Corona-Monitor des Bundesinstituts für Risikobewertung zeigt, dass die Menschen im Land die einzelnen Maßnahmen im Zeitverlauf stabil als angemessen bewerten. Lediglich bei den Einschränkungen im Kulturbetrieb und den Veranstaltungsabsagen sind leicht rückläufige Tendenzen zu verzeichnen. Jedoch auch diese bewerten immer noch zwischen 71 und 78 Prozent der Menschen als angemessen. Nachdem dann am 28. Oktober die Maßnahmen für November beschlossen wurden, befragte direkt am nächsten Tag die Bild am Sonntag die Menschen im Land zu den neuen Maßnahmen: Hier zeigte sich, dass 59 Prozent diese für genau richtig erachten und zwölf Prozent sogar noch striktere Regeln für angebracht halten. Jedoch 28 Prozent empfinden die Maßnahmen auch als überzogen (berichtet die Frankfurter Neue Presse).

 

Wer sich ungerecht behandelt fühlt, bei dem wachsen Zweifel

Für den Zusammenhalt in der Gesellschaft kommt es, wie bereits gesagt, darauf an, dass die soziale Ordnung als gerecht empfunden wird. Das Virus wählt die Menschen willkürlich. Aber unsere Fähigkeiten, mit den Folgen der Pandemie umzugehen, spiegeln die Ungleichheit der Gesellschaft wider. Daher zählt für den gesellschaftlichen Zusammenhalt vor allem, dass die Lasten möglichst gleich verteilt werden. Ich vermute, je stärker der Eindruck entsteht, dass am Ende „die kleinen Leute“ die Rechnung zahlen, desto eher unterminiert dies das Vertrauen in die Politik und schwächt den Zusammenhalt. Die bereits oben zitierte Studie des WSI macht diesbezüglich auf einen wichtigen Zusammenhang aufmerksam. Diejenigen, die wirtschaftlich unter den Maßnahmen leiden, neigen auch deutlich stärker dazu, hinter den Entscheidungen der Regierung finstere Pläne zu wittern: So stimmen von denjenigen, die Einkommenseinbußen zu verzeichnen hatten, 45 Prozent der Aussage zu Ich kann mir vorstellen, dass die Pandemie von Eliten benutzt wird, um die Interessen der Reichen und Mächtigen durchzusetzen. Die Autoren der Studie, Bettina Kohlrausch und Andreas Hövermann mahnen daher auch: „Vor dem Hintergrund des Befundes, dass Gehaltseinbußen sowie die Wahrnehmung einer ungleichen Verteilung der Krisenlasten auch gesamtgesellschaftlich destabilisierend wirken können, ist es zentral, bei weiteren Maßnahmen zur Krisenbewältigung nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die Entwicklung der sozialen Gerechtigkeit im Blick zu haben.“ Wie sich der gesellschaftliche Zusammenhalt in der Krise entwickelt, hängt am Ende ganz entscheidend davon ab, ob wirtschaftlichen und sozialen Lasten gerecht verteilt werden.



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